Mauro Prosperi –- Der Todeskampf in der glühenden Sahara

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Im Alter von 38 Jahren machte sich der Italiener Mauro Prosperi auf den Weg nach Marokko (Nordafrika), um an einem der härtesten Laufrennen der Welt teilzunehmen. Die Sportler mussten bei diesem Wettkampf in mehreren Etappen über 200 Kilometer quer durch die marokkanische Sahara zurücklegen. Mit Temperaturen von bis zu 50 Grad in prallend heißer Sonne und einem schweren Rucksack mussten die Läufer unvorstellbare Strapazen bewältigen. Mauro Prosperi hatte sich sehr gut auf dieses Extremrennen vorbereitet und war körperlich in einem optimalen Zustand. Nach den ersten drei Etappen war er schon im absoluten Spitzenfeld zu finden, als im vierten Streckenabschnitt plötzlich ein schwerer Sandsturm aufzog.

Mauro Prosperi: „„Hart wie Nadeln biss sich der Sand in meine Augen und Ohren““

Mauro Prosperi wickelte sich einen Schal um den Kopf und kämpfte sich weiter durch das unerbittliche Unwetter. Doch zu seinem Unglück hatte der Wüstensturm die Wegmarkierungen weggefegt und Mauro Prosperi lief vollkommen in die falsche Richtung. Als sich der Sturm ein paar Stunden später wieder legte, wusste er nicht mehr, wo er sich befand. Trotzdem hetzte Mauro Prosperi weiter, um irgendwo nach Hilfe Ausschau zu halten, jedoch waren sein Wasser und sein Essen bereits nach kurzer Zeit vollkommen aufgebraucht. Er begann bereits in seine Wasserflasche zu urinieren, um irgendwie an Flüssigkeit zu kommen.

Am nächsten Tag nahte Rettung, als ein Hubschrauber über ihn kreiste. Mauro Prosperi machte mit allem, was ihm zur Verfügung stand auf sich aufmerksam, jedoch ohne Erfolg. Die Rettungskräfte übersahen ihn und der Hubschrauber drehte wieder ab. Nun packte Mauro Prosperi die nackte Verzweiflung, denn er befand sich ohne Proviant im größten Wüstengebiet der Welt, welches zudem von Menschen kaum bewohnt war. Begleitet von einer brütend heißen Sonne und umgeben von trockenen Sandböden war er nun ganz auf sich allein gestellt. Allmählich wurde der Körper von Mauro Prosperi schwächer, die fehlende Flüssigkeitsaufnahme machte sich immer stärker bemerkbar.

Am dritten Tag war Mauro Prosperi so am Boden zerstört, dass er sich bereits umbringen wollte, um einen gnädigeren Tod zu finden als das qualvolle Verdursten. Er fand eine verlassene Ruine, wo er sich die Pulsadern aufschneiden wollte. Nachdem er eine Abschiedsbotschaft an seine Familie verfasst hatte, holte er sein Messer aus dem Rucksack und legte sich zum Sterben in den Wüstensand. Am nächsten Morgen erwachte Mauro Prosperi überraschenderweise wieder, denn der Selbstmordversuch war gescheitert. Das Blut in seinem Körper war aufgrund des Wassermangels so zähflüssig und dick geworden, dass sich die Schnitte wieder von selbst verschlossen hatten. Mauro Prosperi war zwar nun noch schwächer als am Vortag, aber er nahm den beinharten Überlebenskampf erneut auf.

Mauro Prosperi: „„Ich sah das als Zeichen, dass ich weiterleben sollte““

Mauro Prosperi beschloss, jede noch so kleine Chance zu nutzen, um am Leben zu bleiben. Noch in der Ruine erlegte er zwei Fledermäuse und saugte das Blut aus ihnen aus. Andere Tiere wie Schlangen, Insekten oder Eidechsen aß er roh, um seinem Körper wieder Energie zuzuführen. Mauro Prosperi verbrannte seinen Schlafsack, um den Rettungskräften mit dem aufsteigenden Rauch ein Lebenszeichen von ihm zu geben. Er kaute Wurzeln und Blätter und trank weiterhin seinen eigenen Urin. Tagsüber versteckte er sich hinter den Dünen, um sich vor der Sonne zu schützen. Als die Temperaturen in der Nacht abkühlten, machte er sich wieder auf den Weg.

Ständig führte er innere Dialoge mit seiner Familie, um mit dieser Extremsituation irgendwie fertig zu werden. Während sein Körper durchgehend erledigt war, hielten ihn seine kraftvollen Gedanken noch am Leben. Nach neun Tagen in der glutheißen Wüstenhölle stieß der halbtote Mauro Prosperi zufällig auf eine Nomadensiedlung, wo sie ihm im letzten Moment das Leben retteten. Er hatte fast 20 kg an Körpergewicht verloren und befand sich etwa 200 Kilometer von der ursprünglichen Laufstrecke entfernt.

Da die Behörden Mauro Prosperi bereits für tot erklärt hatten, war die Rettung eine echte Sensation. Sein unglaublicher Überlebenswille machte ihn in seiner Heimat zu einem echten Helden. Es zeigte, zu welchen Leistungen ein Mensch fähig war und welche Belastungen er wirklich meistern konnte. Mauro Prosperi brauchte ein ganzes Jahr, um sich wieder von dieser Tortur zu erholen. Aber er war geistig so gefestigt, dass er sich in späterer Folge wieder für diesen Wüstenlauf anmeldete und ihn tatsächlich beenden konnte.

Mauro Prosperi: „“Die Wüste ist ein Traum. Sie bedeutet Unendlichkeit für mich““

Die Gletscherspalte -– 6 Tage in der Todesfalle

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Anfang August 2012 war der 70-jährige Bergwanderer Manfred Walter in den Stubaier Alpen (Österreich) unterwegs. Er liebte die Berge und die unberührte Natur und machte bereits seit über vierzig Jahren diese Bergtouren, meistens alleine. Trotz seiner großen Erfahrung passierte ihm an diesem Tag aber ein folgenschwerer Unfall. Der geübte Bergwanderer durchquerte gerade auf über 3.000 Metern ein dünnes Schneebrett, plötzlich brach er jedoch ein und stürzte senkrecht nach unten. Manfred Walter fiel fast 20 Meter in eine Gletscherspalte und landete auf einem kleinen Eisvorsprung. Schlagartig war alles dunkel und für den Bergwanderer begann sofort ein Kampf um sein Überleben.

Manfred Walter tastete mit den Stöcken seine Umgebung ab und versuchte sich zu bewegen, plötzlich rutschte er aber aus und stürzte bis zum Bauch in eiskaltes Wasser. Mit letzter Kraft rettete er sich wieder zurück auf den kleinen Schneevorsprung, wo er gerade einmal sitzen konnte. Nun traute er sich nicht mehr zu bewegen, denn ein nochmaliger Absturz hätte ihm zu viel Energie gekostet und hätte zusätzliche Erfrierungen zur Folge gehabt. Manfred Walter versuchte mit seinem Handy Notrufe abzugeben, aber wie in den meisten dieser Fälle konnte er kein Signal empfangen und der Akku war ebenfalls bald leer. Es gab so gut wie keine Hoffnung für den Verunglückten, denn er wusste, dass in den nächsten Tagen keiner nach ihm suchen würde, und er hatte auch nicht viel Proviant dabei.

Manfred Walter rammte seine Stöcke seitlich in das Eis um sich abzustützen, denn er hatte Angst, dass er wieder abrutschen könnte. Danach setzte er sich auf seinen Rucksack, um sich von unten warm zu halten. Statt der Haube, die er bei seinem Sturz verlor, setzte er sich eine Unterhose auf, um seinen Kopf zu wärmen. Er wickelte Teile seines Körpers mit einer Alufolie ein und legte beide Hände unter die Achseln, um sie vor der Kälte zu schützen. Außerdem atmete er immer wieder unter seine Kleidung, um sich zu wärmen. Dies waren die ersten wichtigsten Maßnahmen, um sich gegen die lebensgefährlichen Erfrierungen zu schützen. Zum Essen hatte er nur eine Tafel Schokolade zur Verfügung, welche er streng rationierte. Pro Tag nahm er sich vor, nur ein kleines Stück zu essen. Aber nun kam der schreckliche Durst, welcher Manfred Walter zu schaffen machte, und er hatte keinen Vorrat mehr.

Der Alpinist stellte aus diesem Grund seine leere Trinkflasche an einen bestimmten Punkt, wo Gletscherwasser von einem Eiszapfen heruntertropfte. So konnte er pro Tag die bescheidene Menge von etwa 100 Milliliter Wasser (ca. 0,1 Liter) sammeln, um seinen trockenen Mund ein wenig zu befeuchten. So saß er nun gefangen in dieser eisigen und kalten Gletscherspalte, mit dem Wissen, dass er vermutlich nie mehr lebend hier rauskommen würde. Zwischen 10 Uhr und 16 Uhr nahm er immer wieder seine ganze Kraft zusammen um nach Hilfe zu rufen, denn zu dieser Zeit konnte es sein, dass jemand vorbeikam, aber niemand reagierte auf seine Hilfeschreie. So vergingen die Tage und Manfred Walter hatte immer mehr gegen die frostige Temperatur, die ungefähr um den Gefrierpunkt lag, zu kämpfen. Langsam schwand sein Optimismus für eine Rettung, die Horrorvorstellung, dass man ihn vermutlich niemals mehr finden würde, stieg ständig weiter. Aber solange er am Leben war, gab es noch einen kleinen Hoffnungsschimmer für ihn. Er dachte an seine Familie und betete jeden Tag für ein Wiedersehen.

Manfred Walter hatte wahnsinnige Angst einzuschlafen. Er wusste, wenn er sich hinlegen würde und tief einschlafen würde, dass er im Jenseits wieder aufwachen würde. Es war eine unglaubliche psychische Folter und er verfiel immer mehr in einen Dämmerzustand und träumte vor sich hin. Eine kleine Unaufmerksamkeit und ein kleiner Sturz in das eiskalte Wasser unter ihm, und alle seine Qualen würden vorbei sein. Aber er wischte diese Gedanken sofort wieder weg und hielt mit seinen letzten Kräften weiter durch. Trotz seines hohen Alters hatte er einen unbeschreiblichen Überlebenswillen.

Kurz vor seinen letzten Atemzügen hörte er plötzlich Stimmen von oben, eine Wandergruppe hatte tatsächlich seine schwachen Hilferufe erhört. Manfred Walter hatte bereits sein Zeitgefühl verloren und er wusste auch nicht, ob noch rechtzeitig Hilfe für ihn kam. Irgendwann hörte er das Vibrieren eines Hubschraubers, die Rettung war wirklich gekommen. Der erschöpfte Alpinist bekam aufgrund seiner starken Erschöpfung von der Bergung aber nicht mehr viel mit, er wurde umgehend in das nächste Spital geflogen.

Manfred Walter überlebte mit einem Hüftbruch, mit Erfrierungen an Händen und Füßen und mit Schürfwunden. Er schaffte es trotz seines hohen Alters von 70 Jahren, diese unglaubliche körperliche und psychische Belastung ganze sechs Tage und Nächte zu überstehen. Er verschob dadurch die Grenzen der Medizin, denn bisher war es unvorstellbar, dass jemand so lange in einer eiskalten Gletscherspalte überleben konnte. Aber mit grenzenlosem Überlebenswillen und unglaublicher mentaler Stärke schaffte Manfred Walter tatsächlich das Wunder, in dieser Gletscherspalte zu überleben.

 

Richard Williams -– Vom Todeskampf beim Titanic-Untergang zum Tennisstar

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Richard Williams wurde am 29. Januar 1891 in der Stadt Genf (Schweiz) geboren und war leidenschaftlicher Tennisspieler. Er galt bereits in jungen Jahren als großes Talent, wobei er auch immer von seinen Eltern unterstützt wurde. Um seine Begabung noch weiter fördern zu können, wollte er sich auf eine lange Reise begeben. Im Alter von 21 Jahren fuhr er gemeinsam mit seinem Vater in die kleine französische Küstenstadt Cherbourg, um von diesem Ort aus den Atlantik nach Amerika zu überqueren. Er wollte dort an der Harvard Universität ein Studium beginnen und nebenbei an seiner Tenniskarriere arbeiten. Es war der 10. April 1912, als Richard Williams, gemeinsam mit seinem Vater und einigen weiteren Fahrgästen, auf das Schiff zustieg, welches sie nach New York bringen sollte. Es war das derzeit größte Passagierschiff der Welt, die Titanic.

Foto von F.G.O.Stuart

Williams träumte von einer erfolgreichen Zukunft in Amerika und seinem neuen Abenteuer, als er plötzlich aus dem Schlaf gerissen wurde. Die Titanic hatte einen Eisberg gerammt, durch diesen Anstoß wurden viele Menschen verunsichert. In den ersten Minuten herrschte noch Ruhe und Gelassenheit, diese Stimmung schlug aber schnell um, als die ersten Rettungsboote ins Wasser gelassen wurden und der Kapitän die Evakuierung der Titanic anordnete. Richard Williams und sein Vater halfen sofort anderen Passagieren, vor allem den Frauen und den Kindern, in die Rettungsboote zu gelangen.

Als sich die Titanic immer mehr zu neigen begann, brach bald Massenpanik aus. Den Menschen wurde bewusst, dass viel zu wenige Rettungsboote zur Verfügung standen, und auch für Richard Williams und seinem Vater war kein Platz mehr frei. Plötzlich konnte einer der vier riesigen Schornsteine der Titanic dem Druck nicht mehr standhalten und stürzte in die Menschenmenge. Im letzten Moment konnte Richard Williams ausweichen, jedoch hatte sein Vater keine Chance mehr und wurde von den einstürzenden Schornsteinteilen erschlagen. Zum Trauern blieb Richard Williams aber keine Zeit, denn das Schiff stand bereits kurz vor dem Untergang. Mit einem letzten verzweifelten Sprung sprang Richard Williams in das eiskalte Wasser des Atlantiks, um sich zu retten.

Vor den Augen von Richard Williams ging die Titanic unter, genau zwei Stunden und 40 Minuten nachdem sie mit einem Eisberg kollidiert war, er konnte sich mit letzter Kraft an einem beschädigten und umgekippten Rettungsboot festhalten. Viele Menschen trieben im Wasser und schrien verzweifelt um Hilfe, aber es sollte keine Hilfe kommen. Die Rettungsboote, die noch genügend Platz hätten, ruderten von den um Hilfe rufenden Menschen weg, aus Angst, ihr Boot könnte kentern. Bald wurden die verzweifelten Schreie immer weniger, bis sie kurze Zeit später ganz aufhörten. Es war eine bitterkalte Nacht und die Wassertemperatur lag bei unter 0°C, knapp oberhalb des Gefrierpunktes von Meereswasser. Die meisten Menschen hatten keine Chance und starben qualvoll an Unterkühlung.

Richard Williams war noch am Leben, gemeinsam mit etwa 30 anderen Personen klammerte er sich an das Boot fest. Innerhalb weniger Augenblicke war er von einem warmen Bett in die absolute Hölle gekommen und musste um sein Überleben kämpfen. Es herrschte nun unheimliche Stille, um Richard Williams trieben bereits überall tote Menschen, die noch vor wenigen Stunden vergnügt und lebendig am Schiff gewesen waren. Es war eine fürchterliche Situation und keiner wusste, wie es nun weitergehen würde. Richard Williams blickte in die verängstigten und blassen Gesichter der Menschen, die sich im Todeskampf am Boot festhielten. Durch die eisige Kälte starben aber auch hier bald die ersten Menschen an Unterkühlung, die Situation schien aussichtslos zu sein.

Richard Williams verließen immer mehr die Kräfte. Trotzdem kämpfte er weiter, er wollte noch nicht sterben, denn schließlich hatte er sein ganzes Leben noch vor sich. Mit unglaublichem Überlebenswillen hielt er durch, währende viele andere Menschen neben ihm den Kampf verloren und starben. Dieser unfassbare und qualvolle Überlebenskampf dauerte mehrere Stunden, bis Richard Williams völlig erschöpft von dem ersten Rettungsschiff, der RMS Carpathia, gerettet wurde. Die meisten Menschen, die sich wie er am Boot festgehalten hatten, waren nicht mehr am Leben.

Nach der Rettung merkte der an starker Unterkühlung leidende Richard Williams, dass er kein Gefühl mehr in seinen Beinen hatte. Ein Schiffsarzt riet ihm sofort zu einer Amputation der Beine, um am Leben zu bleiben. Richard Williams würde aber ohne seine Beine niemals eine Tenniskarriere starten können, und so sagte er dem Arzt, dass er seine Beine noch brauchen würde und entschied sich gegen eine Amputation, obwohl er wusste, dass es ihm das Leben kosten könnte.

Richard Williams versuchte nun behutsam, seine Beine wieder aufzuwärmen und die Blutzirkulation im geschädigten Gewebe wiederherzustellen. Während der gesamten Reise nach New York ging er deshalb alle zwei Stunden auf dem Schiff herum, um seine Beine in Bewegung zu halten. Zwischendurch wärmte er sich an einem Ofen, um sich warm zu halten. Es waren unglaubliche Schmerzen, die Richard Williams aushalten musste, jeder Schritt fühlte sich so an, wie wenn ihm jemand tausend Nadeln in seine Beine stechen würde. Richard Williams hielt diese Quälerei die nächsten Tage trotz der enormen psychischen Belastung beständig durch, auch während der Nacht. Und diese Ausdauer sollte sich noch bezahlt machen, denn bald kehrte tatsächlich das Gefühl in seinen Beinen zurück.

Richard Williams begann langsam wieder zu trainieren und Tennis zu spielen, er versuchte die Titanic-Katastrophe so gut es ging zu verarbeiten und positiv in die Zukunft zu blicken. Nur wenige Monate nach dem Titanic-Untergang und seinem Todeskampf gewann er sensationell den US-Open Titel in New York im gemischten Bewerb (Mann und Frau). In den Jahren 1914 und 1916 gewann er zudem die amerikanischen Tennismeisterschaften und spielte sehr erfolgreich in der Tennis-Nationalmannschaft der USA. Richard Williams holte in späteren Jahren noch eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen und wurde außerdem in die Tennis Hall of Fame aufgenommen.

Richard Williams überlebte nur knapp die Titanic-Katastrophe und schaffte es durch unfassbaren Willen, seine Beine zu retten und eine erfolgreiche Karriere im Tennis zu starten. Er versuchte immer das Beste aus seinem Leben zu machen, egal welche schweren Schicksalsschläge ihn auch trafen.

Richard Williams starb am 02. Juni 1968. Sein Überlebenswille beim Untergang der Titanic und seine erfolgreiche Karriere als Tennisspieler sind aber bis heute legendär.

Foto von Spyder Monkey

 

Lebendig begraben -– Schreie niemals, wenn die Lawine kommt

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Die Verlockung war einfach zu groß für den 21-jährigen Cédric Genoud, als er die unberührten Pulverschneehänge außerhalb der markierten Pisten entdeckte. Er war gerade in der Skiregion bei Evolène (Schweiz) bei herrlichem Sonnenschein unterwegs, und wollte das Skivergnügen voll auskosten. So verließ Cédric die abgesicherte Piste und fuhr den ungesicherten Abhang hinunter. Es war herrlich, mitten in den Bergen und bei herrlichen Schneeverhältnissen setzte Cédric völlig entspannt seine Schwünge in den Schnee. Bald würde er beim Abendessen mit seinen Freunden sitzen und den perfekten Tag gemütlich ausklingen lassen. Er war noch immer in Gedanken versunken als es plötzlich einen gewaltigen Krach machte.

Ein großes Schneebrett hatte sich gelöst, der Hang unter Cédric brach regelrecht unter ihm weg und er stürzte den Abhang hinunter. Er versuchte noch irgendwie, der Todesfalle zu entkommen, aber da war es bereits zu spät. Cédric wurde unter den mächtigen Schneemassen begraben und für ihn begannen nun die wichtigsten Sekunden seines Lebens. Noch bevor die Massen zum Stillstand kamen und ihn regelrecht einbetonieren würden, musste er die Zeit nutzen, um sich mit seinen Händen und Armen vor dem Gesicht so viel Platz wie möglich zum Atmen verschaffen. Gleichzeitig versuchte er, paddelnd wie ein Schwimmer, Richtung Oberfläche zu gelangen. Doch plötzlich wurde es ganz still um ihn. Die Lawine war anscheinend zum Stehen gekommen, und Cédrics Bewegungsradius war gleich null. Langsam wurde ihm bewusst, dass er soeben von einer Lawine verschüttet wurde, er war begraben unter einer 50 Zentimeter dicken Schneedecke und einbetoniert wie in einem Grab.

 
Cédric konnte nur mehr seinen Kopf bewegen, zu seinem Glück konnte er sich einen kleinen Raum zum Atmen verschaffen. Dies war eine der wichtigsten Tatsachen, die seine Überlebenschancen ein wenig erhöhten. Eine andere wichtige Überlebensregel hatte er bereits beachtet, er hatte aufgehört zu schreien, denn die meisten Menschen sterben bei einer Lawine durch Ersticken, ein offener Mund wird sofort von den Schneemassen vollgestopft. Es war jetzt stockfinster. Cédric hatte Angst, dass sein Sauerstoff bald zu Ende gehen würde, denn der Hohlraum vor seinem Kopf war nicht groß. Da hörte er Raupenfahrzeuge, und er konnte sein Glück kaum fassen, er dachte dass er gleich gerettet werden würde. Aber die Fahrzeuggeräusche entfernten sich wieder. Es herrschte nur mehr gespenstige Stille, Totenstille. Cédric war lebendig begraben wie in einem Sarg, einbetoniert von Schneemassen, und er war ganz alleine. Es musste bereits die Nacht angebrochen sein, und Cédric war bewusst, dass in der Dunkelheit niemand mehr nach ihm suchen würde. Vielleicht war dies bereits sein Todesurteil.

Die Horrornacht dauerte bereits einige Stunden, Cédric hatte überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Er dachte an seine Familie und an alle Leute, die ihn gerne hatten. Zum ersten Mal in seinem Leben fing er an zu beten. Doch plötzlich kam es ihm so vor, als würde er keine Luft mehr bekommen. Die Leiden hätten bald ein Ende, dachte er, und er würde hier qualvoll ersticken. Aber es war nur eine Einbildung von ihm, und Cédric fasste den Entschluss, bis zum letzten Atemzug alles für sein Überleben zu tun. Es war sehr kalt, und das Leben des jungen Mannes hing an einem seidenen Faden. Er war so müde, dass er jeden Moment einschlafen könnte. Aber wenn dies passieren sollte, wäre es sein sicherer Tod gewesen. Er zitterte am ganzen Körper und durch diese schnellen Bewegungen der Muskeln erzeugte der Körper die nötige Wärme, und half so, ein weiteres Abkühlen zu verhindern. Cédric kämpfte verbissen weiter, er steckte sich immer wieder Schnee in den Mund um nicht einzuschlafen und um einen Wassermangel vorzubeugen. Und immer wieder fragte er sich, warum er nur die abgesicherte Piste verlassen hatte. Er stellte sich vor, dass er vielleicht gar nicht mehr gefunden werden würde und er nur mehr als Skelett hier übrig bleiben würde. Und so verging die Zeit, schleichend und ohne Eile.

Cédric wurde am nächsten Morgen von einer Suchmannschaft gefunden und befreit. Er überlebte trotz 17 Stunden unter der Lawine mit nur einer leichten Unterkühlung. Sein Gesicht war blass, die Todesangst stand ihm noch immer ins Gesicht geschrieben. Diese Horrornacht war eine harte Lektion für sein Leben, welches ihm mit viel Glück noch nicht genommen wurde.

Die häufigste Todesursache bei Lawinenopfern ist das Ersticken. Nach 90 Minuten liegt die Überlebenschance bei nur noch etwa 20 Prozent. Cédric Genoud hatte nur überlebt, weil der kleine Hohlraum vor seinem Gesicht irgendwie mit Frischluft versorgt wurde, die ihn letztlich am Leben erhielt. Sein leichtsinniges Risiko hätte er beinahe mit seinem Leben bezahlt, heute bereut er seine Tat. Die Geschichte sollte uns zu denken geben, wenn wir das nächste Mal überlegen, außerhalb von gesicherten Pisten zu fahren.

Cédric Genoud: „„Ich war mir der Risiken nicht bewusst. Die Schilder, die die Risikostufe 4 signalisierten, habe ich zwar gesehen, aber einfach ignoriert. Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe““

Aron Ralston -– Härter als der Fels

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Am 26. April 2003 machte sich der Bergsteiger Aron Ralston zu einer Klettertour auf, um den Blue John Canyon (USA, zwischen Colorado und Utah) zu begehen. Der 27-Jährige war begeisterter Kletterer und verbrachte jeden freie Minute in der Natur. In Bekanntenkreisen galt er als sehr stark und gut trainiert, weshalb er auch oft alleine unterwegs war. Sein Ziel hatte er damals aber niemandem verraten, und niemand wusste wo Aron Ralston unterwegs war. Ein schwerwiegender Fehler, wie sich später noch herausstellen sollte.

Aron Ralston befand sich am dritten Tag seiner Klettertour und musste eine fast senkrecht abfallende, sehr schmale Schlucht hinaufklettern. Dabei hatte er auch große Felsbrocken zu überwinden, die seiner Meinung nach keine Gefahr darstellen sollten. Doch plötzlich bewegte sich einer dieser Kolosse, traf zuerst seine linke Hand und quetschte ihm schließlich seine rechte Hand gegen die Felswand ein. Aron Ralston schrie vor Schock und auch vor den stechenden Schmerzen. Ein 400 Kilo Felsbrocken hielt den schwerverletzten jungen Mann in dieser engen Schlucht gefangen, mit kaum Proviant und wenig Wasser. Und bald wurde ihm erst bewusst, dass niemand seinen Aufenthaltsort kannte und keiner nach ihm suchen würde.

Aron Ralston versuchte mit seiner linken Hand mit einem Multifunktionswerkzeug und einem Taschenmesser den Fels zu bearbeiten, in der Hoffnung, er könnte irgendwie seinen rechten Arm freibekommen. Doch ohne Chance. Dann versuchte er mit Hilfe seiner Ausrüstung den Fels anzuheben, aber wieder nur vergeblich. Die Zeit verging, und der Verunglückte wurde immer schwächer. Die Hoffnung, dass ihn jemand finden würde, hatte sich inzwischen auch erledigt. Am fünften Tag hatte er keinen Proviant und auch kein Wasser mehr, er trank inzwischen seinen eigenen Urin. In der dunkelsten seelischen Stunde und in der größten Verzweiflung fasste er schließlich einen mutigen Entschluss: Wenn er dieses Unglück jemals überleben wollte, dann musste er sich seinen Arm abschneiden.

Er wusste, dass ihn diese Aktion das Leben kosten könnte, und so nahm er eine letzte Botschaft mit seiner kleinen Videokamera auf: „Mum, Dad, es tut mir leid. Ich liebe euch.“ Er verabschiedete sich noch von seiner Schwester und teilte seine Habseligkeiten auf seine Freunde auf. In den Felsen ritzte er „Rest in Peace“ – Ruhe in Frieden, mit seinen Daten. Als er dies erledigt hatte, bereitete er sich schließlich seinen Operationstisch vor.

Er legte seinen Arm auf eine Radlerhose, um einen Polster zu haben. Den Druckverband hatte er sich schon bereitgelegt. Mit dem bereits stumpfen Messer schaffte er es irgendwie, Haut und Gewebe zu schneiden. Doch dann war sein unglaubliches Unterfangen bereits fast zum Scheitern verurteilt – wie sollte er den Knochen durchschneiden? Mit dem unscharfen Messer hatte er in keinster Weise eine Chance. Aron Ralston war ein Draufgänger, und mit seiner nächsten Aktion machte er dies deutlich. Mit einem ungeheuren Überlebenswillen bog er den Arm seiner verletzten Hand so lange in eine Richtung, bis die Knochen brachen, zuerst die Speiche, dann die Elle. Mit Hilfe des Druckverbandes erledigte er dann den Rest. Irgendwann war der Unterarm dann ab, und Aron Ralston war erstmals seit langer Zeit wieder frei.

Fast wäre er beim Verbinden seines Armes ohnmächtig geworden, aber da hatte er Glück. Einhändig seilte er sich 20 Meter ab und machte sich schließlich talauswärts auf den Weg, völlig kraftlos und unter starken Schmerzen. Aron Ralston schaffte es unter größter Anstrengung, noch etwa 10 Kilometer zu marschieren, bis er Wanderern in die Arme lief, die sofort einen Rettungshubschrauber alarmierten. Der schwerzverletzte und ausgehungerte junge Mann war dem Tod immer noch näher als dem Leben, der Blutverlust und die Erschöpfung waren enorm. Im Krankenhaus retteten die Ärzte sein Leben, sie kürzten noch etwas die Knochen und die Muskeln wurden mit der Haut vernäht.

Als Aron Ralston aus dem Krankenhaus entlassen wurde, litt er unter schweren Depressionen. Doch Psychologen halfen ihm, den erlebten Horror zu verarbeiten und zu überwinden. In dem Buch „Im Canyon: Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens“ schrieb er seinen unfassbaren Unfall nieder. Zusätzlich wurde sein Überlebenskampf unter dem Titel „127 Hours“ verfilmt.

Heute klettert Aron Ralston wieder auf Berge, eine speziell angefertigte Armprothese mit einem Eispickel macht es ihm möglich. Seine eingeklemmte Hand wurde kremiert (eingeäschert) und die Asche über den Canyon verstreut. Ohne seinen Mut und seinen unfassbaren Überlebenswillen wäre Aron Ralston heute nicht mehr am Leben. Das Magazin „Gentlemen`s Quarterly“ wählte ihn 2003 sogar zum Mann des Jahres.