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Christina Lamb ist als Journalistin auf der ganzen Welt unterwegs. Obwohl man ihr sagt, dass sie als ernsthafte Kriegsreporterin nicht infrage kommt, reist sie genau dort hin: In die Krisengebiete, wo Konflikte und kriegsähnliche Auseinandersetzungen stattfinden. Während im Krieg die Aufmerksamkeit meist den Kämpfern an der Front gilt, berichtet Christina über die erschütternden Schicksale von Kindern und Frauen im Hintergrund. Wer kümmert sich um die Familien, wenn die Männer zur Waffe greifen? Frauen haben keine Wahl, ob sie schwach oder stark sein wollen. Sie versorgen die Kinder und müssen zusätzlich die körperlich anstrengende Arbeit der Männer erledigen. Für Christina sind sie wahre Helden.
Christina Lamb: „Ich habe mich nie für die Kämpfe des Krieges interessiert. Aber wie hält man das Leben zusammen, wenn um einen herum die Hölle los ist? Wie erzieht man seine Kinder und wer kümmert sich um die Alten?
Frauen tragen diese schwere Bürde. Über die schlimmsten Kriegsverbrechen verlieren die Medien aber kaum ein Wort: Vergewaltigungen! Sexuelle Gewalt gegen Frauen wird systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Wo es Befehle gibt, Frauen und Mädchen zu vergewaltigen und ganze Kulturen zu erniedrigen oder auszulöschen. Diese Maßnahme ist billig und kostet den Tätern nichts. Millionen Frauen wurden in den Weltkriegen vergewaltigt oder zur Zwangsprostitution gezwungen. Der Krieg liefert den perfekten psychologischen Freibrief, dass die Handlungen gerechtfertigt sind. Das geschieht heute immer noch. Diese Vergehen werden kaum dokumentiert und es ist von einer großen Dunkelziffer auszugehen. Christina ist eine der wenigen Reporterinnen, die darüber berichten. Gerechtigkeit gibt es in den seltensten Fällen.
Christina Lamb: „Ich habe gesehen, wie das gesamte Licht aus den Augen der Frauen verschwunden war. Man sah ihnen an, dass etwas extrem Schlimmes mit ihnen passiert ist. Das hat mich verstört“
Mädchen werden verfolgt, entführt und als Sklavinnen gehalten. Frauen werden an Bäume gebunden, wo sie vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt werden. Christina spricht mit den „Trostfrauen“, die von japanischen Soldaten während des Zweiten Weltkrieges systematisch missbraucht wurden. Überall auf der Welt findet sie eine Brutalität, die sie an die Grenze ihrer Kräfte bringt. Sexuelle Nötigung passiert dabei unabhängig von Nationalität oder geographischer Lage. Als wäre die körperliche und seelische Gewalt nicht schon schlimm genug, werden Vergewaltigungen verharmlost. Frauen werden sozial ausgegrenzt, als „ehrlos“ beschimpft und aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Am Ende von Kriegen wird nicht an die Frauen gedacht, die Geschichte wird von Männern geschrieben. Richter und Staatsanwälte, die sich in der Vergangenheit mit Kriegsrechtsfällen beschäftigten, waren meistens Männer. Der Missbrauch gegen Frauen, obwohl man davon wusste, hatte für sie keine große Priorität.
Christina Lamb: „Ich habe mit Frauen aus so vielen verschiedenen Ländern gesprochen. Viele von ihnen sagten, dass sie lieber gestorben wären, weil das, was ihnen passiert ist, so schrecklich war. Das ist wirklich furchtbar traurig“
Das Ausmaß von sexueller Gewalt in Kriegen nimmt Dimensionen an, die kaum zu beschreiben sind. Der Schock sitzt bei den Frauen so tief, dass die Verbrechen oft verschwiegen werden. Angst, Machtlosigkeit und Depressionen belasten ihre Seele. Christina gibt ihnen eine Stimme, um gehört zu werden. Vereinzelt gibt es Frauen, die mutig und hartnäckig für ihr Recht kämpfen. Doch eine große internationale Bewegung ist nicht vorhanden, um die Frauen zu unterstützen. Aufmerksamkeit ist eine wirksame Waffe, um den Opfern zu helfen. Eine Veränderung kann nur dann erreicht werden, wenn die Menschen von diesen schrecklichen Dingen erfahren. Christina Lamb stellt sich der Herausforderung und bringt Geschichten an die Öffentlichkeit, die unangenehm sind. Doch aus diesem Grund können wir sie nicht ignorieren. Schonungslos, denn die Realität ist es auch.
Christina Lamb: „Warum passiert das immer noch? Ich bin der festen Überzeugung, dass es vielleicht nicht schön ist, darüber zu lesen, aber die Dinge werden sich nicht ändern, wenn wir nicht darüber lesen und etwas dagegen unternehmen“
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Christina Lamb: Unsere Körper sind euer Schlachtfeld: Frauen, Krieg und Gewalt
Einzelnachweise (abgerufen am 01.05.2024):
1. www.deutschlandfunkkultur.de – Vergewaltigung als Kriegswaffe
2. www.equalitynow.org – Feminism And Life As A Foreign Correspondent
3. www.time.com – Christina Lamb
4. www.literaturkritik.de – Männliche Individualmassaker

