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Am 26. April 2003 machte sich der Bergsteiger Aron Ralston zu einer Klettertour auf, um den Blue John Canyon (USA, zwischen Colorado und Utah) zu begehen. Der 27-Jährige war begeisterter Kletterer und verbrachte jeden freie Minute in der Natur. In Bekanntenkreisen galt er als sehr stark und gut trainiert, weshalb er auch oft alleine unterwegs war. Sein Ziel hatte er damals aber niemandem verraten, und niemand wusste wo Aron Ralston unterwegs war. Ein schwerwiegender Fehler, wie sich später noch herausstellen sollte.

Aron Ralston befand sich am dritten Tag seiner Klettertour und musste eine fast senkrecht abfallende, sehr schmale Schlucht hinaufklettern. Dabei hatte er auch große Felsbrocken zu überwinden, die seiner Meinung nach keine Gefahr darstellen sollten. Doch plötzlich bewegte sich einer dieser Kolosse, traf zuerst seine linke Hand und quetschte ihm schließlich seine rechte Hand gegen die Felswand ein. Aron Ralston schrie vor Schock und auch vor den stechenden Schmerzen. Ein 400 Kilo Felsbrocken hielt den schwerverletzten jungen Mann in dieser engen Schlucht gefangen, mit kaum Proviant und wenig Wasser. Und bald wurde ihm erst bewusst, dass niemand seinen Aufenthaltsort kannte und keiner nach ihm suchen würde.

Aron Ralston versuchte mit seiner linken Hand mit einem Multifunktionswerkzeug und einem Taschenmesser den Fels zu bearbeiten, in der Hoffnung, er könnte irgendwie seinen rechten Arm freibekommen. Doch ohne Chance. Dann versuchte er mit Hilfe seiner Ausrüstung den Fels anzuheben, aber wieder nur vergeblich. Die Zeit verging, und der Verunglückte wurde immer schwächer. Die Hoffnung, dass ihn jemand finden würde, hatte sich inzwischen auch erledigt. Am fünften Tag hatte er keinen Proviant und auch kein Wasser mehr, er trank inzwischen seinen eigenen Urin. In der dunkelsten seelischen Stunde und in der größten Verzweiflung fasste er schließlich einen mutigen Entschluss: Wenn er dieses Unglück jemals überleben wollte, dann musste er sich seinen Arm abschneiden.

Er wusste, dass ihn diese Aktion das Leben kosten könnte, und so nahm er eine letzte Botschaft mit seiner kleinen Videokamera auf: „Mum, Dad, es tut mir leid. Ich liebe euch.“ Er verabschiedete sich noch von seiner Schwester und teilte seine Habseligkeiten auf seine Freunde auf. In den Felsen ritzte er „Rest in Peace“ – Ruhe in Frieden, mit seinen Daten. Als er dies erledigt hatte, bereitete er sich schließlich seinen Operationstisch vor.

Er legte seinen Arm auf eine Radlerhose, um einen Polster zu haben. Den Druckverband hatte er sich schon bereitgelegt. Mit dem bereits stumpfen Messer schaffte er es irgendwie, Haut und Gewebe zu schneiden. Doch dann war sein unglaubliches Unterfangen bereits fast zum Scheitern verurteilt – wie sollte er den Knochen durchschneiden? Mit dem unscharfen Messer hatte er in keinster Weise eine Chance. Aron Ralston war ein Draufgänger, und mit seiner nächsten Aktion machte er dies deutlich. Mit einem ungeheuren Überlebenswillen bog er den Arm seiner verletzten Hand so lange in eine Richtung, bis die Knochen brachen, zuerst die Speiche, dann die Elle. Mit Hilfe des Druckverbandes erledigte er dann den Rest. Irgendwann war der Unterarm dann ab, und Aron Ralston war erstmals seit langer Zeit wieder frei.

Fast wäre er beim Verbinden seines Armes ohnmächtig geworden, aber da hatte er Glück. Einhändig seilte er sich 20 Meter ab und machte sich schließlich talauswärts auf den Weg, völlig kraftlos und unter starken Schmerzen. Aron Ralston schaffte es unter größter Anstrengung, noch etwa 10 Kilometer zu marschieren, bis er Wanderern in die Arme lief, die sofort einen Rettungshubschrauber alarmierten. Der schwerzverletzte und ausgehungerte junge Mann war dem Tod immer noch näher als dem Leben, der Blutverlust und die Erschöpfung waren enorm. Im Krankenhaus retteten die Ärzte sein Leben, sie kürzten noch etwas die Knochen und die Muskeln wurden mit der Haut vernäht.

Als Aron Ralston aus dem Krankenhaus entlassen wurde, litt er unter schweren Depressionen. Doch Psychologen halfen ihm, den erlebten Horror zu verarbeiten und zu überwinden. In dem Buch „Im Canyon: Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens“ schrieb er seinen unfassbaren Unfall nieder. Zusätzlich wurde sein Überlebenskampf unter dem Titel „127 Hours“ verfilmt.

Heute klettert Aron Ralston wieder auf Berge, eine speziell angefertigte Armprothese mit einem Eispickel macht es ihm möglich. Seine eingeklemmte Hand wurde kremiert (eingeäschert) und die Asche über den Canyon verstreut. Ohne seinen Mut und seinen unfassbaren Überlebenswillen wäre Aron Ralston heute nicht mehr am Leben. Das Magazin „Gentlemen`s Quarterly“ wählte ihn 2003 sogar zum Mann des Jahres.