Abraham Lincoln und der Gerichtsprozess

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Vor einiger Zeit waren Dampfschiffe eine der wichtigsten Transportmittel in Amerika. Viele Produkte wie Getreide oder Fleisch wurden von den Siedlern mit einem Ochsengespann zum Mississippi gebracht, damit man sie von dort aus flussabwärts verschiffen konnte. Den Dampfschiffgesellschaften ging es damals natürlich sehr gut, denn sie hatten keine wirklich ernstzunehmende Konkurrenz im Transportwesen.

Bis zu jenem Tag, als die Rock-Island-Eisenbahn den Bau einer großen Eisenbahnbrücke zwischen Rock Island und Davenport plante. Die wohlhabenden Schiffseigner bekamen es mit der Angst zu tun, denn sie fürchteten die große Konkurrenz, die von dieser Brücke ausgehen würde. Vorerst verhinderten sie den Bau durch ein richterliches Verbot, solange bis es zu einem großen Prozess kam. Die Dampfschiffbesitzer wollten ihr Recht, für diese Transporte zuständig zu sein, nicht aufgeben, und so engagierten sie einen der besten Anwälte der für dieses Fachgebiet zu bekommen war.

Und dieser hielt am letzten Verhandlungstag vor einem großen Publikumsandrang sein Plädoyer. Der Prozess hatte sich mittlerweile zu einem aufregenden und spannenden Fall weiterentwickelt, und der Ausgang war kaum absehbar. Ganze zwei Stunden lang dauerte seine Abschlussrede. Er scheute sich auch nicht, Argumente wie die Auflösung des amerikanischen Bundes zu verwenden um mit dieser Schwarzmalerei den Bau der Brücke zu verhindern. Die Anwesenden, die bis jetzt atemlos zugehört hatten, reagierten mit tobendem Beifall auf diese atemberaubende Rede.

Der Anwalt der Eisenbahngesellschaft hingegen tat fast allen leid. Was sollte er dieser entfesselten Ansprache noch entgegensetzen? Ob er auch zwei Stunden lang sprechen würde? Nicht wirklich. Seine Abschlussrede dauerte keine zwei Minuten. Und dies sagte er: „Vorab will ich dem Gegenanwalt zu seiner brillanten Rede gratulieren. Noch nie habe ich ein besseres Plädoyer gehört. Aber, meine Herren Geschworenen, leider hat er das Wesentliche übersehen: Das, was die Bürger, die vom Osten nach dem Westen reisen, brauchen, ist mindestens ebenso wichtig wie das, was diejenigen brauchen, die auf dem Fluss fahren. Die einzige Frage, über die Sie letztlich entscheiden müssen, ist die: Haben die Menschen, die auf dem Fluss hinauf- und herunterfahren, mehr Rechte als diejenigen, die ihn überqueren wollen?“ Daraufhin setzte er sich.

Die Entscheidung der Geschworenen ließ nicht lange auf sich warten und war eine kleine Sensation. Dieser hagere, knochige und ungewöhnlich große Mann, der noch dazu ärmlich bekleidet war, hatte es tatsächlich geschafft, diesen Prozess doch noch zu gewinnen. Und dieser damals noch unbekannte Anwalt hieß Abraham Lincoln. (späterer amerikanischer Präsident)

Diejenigen Menschen, die kurz und bündig das Wesentliche hervorbringen können, werden am meisten geschätzt. So wie es Lincoln perfekt verstanden hat. Seine Rede ist weltberühmt geworden – obwohl er keine zwei Minuten gesprochen hat. Dieser Prozess ging als einer der größten Rechtsstreite in die Geschichte der Vereinigten Staaten ein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: