Esther Bejarano – Auschwitz, wir spielten um unser Leben

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Der 2. Weltkrieg war voll im Gange. Im Frühjahr 1943 kam die damals 18-jährige Esther Bejarano in einem Viehwaggon nach Auschwitz, einem Konzentrationslager in Polen. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass ihre Eltern bereits erschossen wurden und ihre Schwester Ruth auf der Flucht ebenfalls gestorben war. Im Vernichtungslager angekommen, wurden kranke und behinderte Menschen, Mütter mit ihren kleinen Kindern und ältere Frauen sofort auf Lastautos verfrachtet. Sie freuten sich noch, da sie nicht selber laufen mussten. Sie wussten aber nicht, dass diese Autos direkt in die Gaskammern fuhren und sie nicht überleben werden. Den anderen Menschen wurden die Kopfbehaarung komplett geschnitten wie auch die Scham- und Achselbehaarung gänzlich entfernt. Am linken Arm wurde Esther die Häftlingsnummer 41948 eingeritzt, ab jetzt war sie nur mehr eine Nummer und jeder Tag konnte ihr letzter sein. Ein zierliches und eingeschüchtertes Mädchen inmitten dem größten und gefürchtetsten Konzentrationslager der Nazis, das Todesurteil war so gut wie unterschrieben.

Esther Bejarano: „„Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von den SS-Frauen und SS-Männern mit folgenden Worten begrüßt: So, ihr Saujuden, jetzt werden wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt“…“

In den nächsten Tagen und Wochen musste sie schwere Steine von einer Seite des Feldes auf die andere schleppen. Zum Essen gab es nur wässrige Suppen in der fauliges Gemüse oder Kartoffelschalen schwammen und ein bisschen Brot. Die Rationen waren so berechnet, dass die Häftlinge bei der schweren Arbeit nach maximal sechs Monaten fast verhungert waren. Dann wurden sie vergast, weil sie nicht mehr arbeiten konnten. Esther war nach kurzer Zeit bereits schwer angeschlagen, denn aus ihrem schwachen Körper war nichts mehr zu holen. Ihre Zeit auf dieser Welt würde bald abgelaufen sein, das spürte sie. Als eine ehemalige Musiklehrerin, eine polnische Gefangene, beauftragt wurde, ein Lagerorchester aufzubauen, war dies wie ein Wink des Schicksals für Esther, denn durch ihren Vater wurde sie musikalisch erzogen und sie konnte Klavier spielen. Aber es wurde nur wer gesucht, der Akkordeon spielen konnte, aber sie meldete sich trotzdem dafür. Es war ihre letzte Chance in diesem Lager zu überleben. Mit zitternden Händen und blassem Gesicht versuchte sie sich auf dem Instrument, dieser Moment würde über Tod oder Leben entscheiden, das wusste sie. Und sie schaffte es, nach wenigen Minuten Übung stimmten die meisten Akkorde, und sie wurde tatsächlich aufgenommen.

40 Mädchen übten einige Wochen zusammen, bis sie öffentlich spielen mussten. Sie spielten Märsche, wenn die Arbeitskolonnen im Morgengrauen ausrückten und am Abend wieder zurückwankten. Viele Häftlinge fielen dabei kraftlos um und kamen nicht mehr hoch. Sie wurden sofort erschossen, doch das Mädchenorchester musste immer weiterspielen. Hinter ihnen standen schwer bewaffnete SS-Soldaten, die sie erschossen hätten, sobald sie aufgehört hätten, zu spielen. Und es sollte noch schlimmer kommen. Denn schon bald mussten die Mädchen auch am Tor stehen und spielen, wenn die Transporte mit den jüdischen Menschen ankamen. Die ankommenden Menschen dachten, wenn Musik gespielt wird, konnte es ja nicht so schlimm sein. Doch diese Menschen wurden unter der Begleitung des Orchesters direkt in die Gaskammern geschickt.

Esther Bejarano: „„Für uns war es eine schreckliche Belastung, die Tränen liefen uns runter, als die Menschen vorbeizogen. Wir haben gewusst, dass sie direkt ins Gas gingen, ganze Familien mit ihren Kindern, doch sie wussten das nicht, und so haben sie uns zugewunken““

Später lernte Esther noch Blockflöte und Gitarre, nur um im Orchester bleiben zu können. Denn jeder fürchtete, aus dem Orchester geworfen zu werden. Sie alle spielten um ihr Leben und übten weiter, während rundum gestorben und gefoltert wurde. Und so überlebte Esther in Auschwitz, und als sie versetzt wurde, konnte sie auf einem Todesmarsch von diesem Grauen fliehen. Jahrzehntelang versuchte sie, Auschwitz zu vergessen. Sie ging nach Israel, absolvierte eine Ausbildung als Koloratursopranistin (Klassische Musik), heiratete und brachte zwei Kinder zur Welt. 1960 ging sie wieder zurück nach Deutschland und zog nach Hamburg. Doch was sie hier noch alles erleben sollte, hätte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können.

Als Ende der siebziger Jahre Neonazis Info-Tische aufbauten, beobachte sie schockiert diese Ereignisse. Und plötzlich tauchten wieder die schrecklichen Bilder der Vergangenheit auf. Häftlinge, die Holzkarren von Leichen umherzogen, Menschen, die zu Skeletten abgemagert wie Mumien umherliefen, der Todesgeruch von verbrannten Knochen, Leichen, die ständig auf den Straßen herumlagen, Menschen die sich aus Verzweiflung an den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun warfen, nur um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Und so schloss sich die aufgebrachte Esther sofort den Gegendemonstranten an und fing an, mit der Polizei zu debattieren, warum sie die Nazis denn schützen und packte einen Polizisten am Arm. Dieser drohte Esther mit Gefängnis, doch Esther erwiderte nur: „Damit machen Sie mir keine Angst. Ich war in Auschwitz und das war schlimmer.“ Esther hörte noch, wir irgendwer zu dem Beamten sagte: „Die war in Auschwitz, das ist eine Verbrecherin. Was wollen Sie von der erwarten?“

 
Nach diesem Vorfall war Esther Bejarano vollkommen schockiert und fassungslos. Wie konnte es in der heutigen Zeit nur soweit kommen? Doch Esther war eine Kämpfernatur. Seit dieser Konfrontation tritt sie öffentlich auf, um besonders junge Menschen über den Nazi-Terror und den Rechtsextremismus aufzuklären. Vielfach wurde sie bereits dafür ausgezeichnet. Denn es wird nicht mehr lange dauern, und es wird keine Zeitzeugen dieser grausamen Zeit mehr geben. In ihrer Erinnerung ist noch ein furchtbar schreiender Häftling, der nicht sterben wollte. Er wurde gerade von den Wachen abgeholt: „Vergesst nie, was die mit mir machen“, rief er auf dem letzten Weg zu seiner Hinrichtung.

Das größte Konzentrationslager in Auschwitz während der Zeit des Nationalsozialismus wurde zum Symbol für den Holocaust. Insgesamt kamen dort etwa 1,5 Millionen Menschen ums Leben, rund 90% davon waren Juden. Die schlimmen Verbrechen des Dritten Reiches und Adolf Hitler sind eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Esther Bejarano kämpft gegen die Verharmlosung und die Holocaustleugnung, denn die geistige Befreiung liegt nicht im Verdrängen, sondern in der Erinnerung an diese furchtbare Zeit.

Esther Bejarano, eine mutige und tapfere Frau, die als Verbrecherin beschimpft wurde weil sie in Auschwitz war. Wie hätten wir darauf reagiert?

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