Justin Fashanu – Der tiefe Fall eines schwulen Fußballstars

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Justin Fashanu wurde am 19. Februar 1961 geboren und galt in Expertenkreisen als eines der größten Talente in England. Der dunkelhäutige Sohn eines nigerianischen Rechtsanwaltes bekam so bereits im Alter von 17 Jahren seinen ersten Profivertrag bei Norwich City. Hier entwickelte sich der großgewachsene und athletische Fußballspieler zu einem gefürchteten Stürmer, im Laufe der Zeit war er nicht nur zum Stammspieler geworden, sondern er erzielte auch sehr viele Tore. Ein Tor machte ihn auf einen Schlag weltberühmt, als er mit einem spektakulären Weitschuss gegen den Spitzenklub Liverpool das „Tor des Jahres“ in England erzielte.

Wochenlang zeigten die TV-Sender dieses atemberaubende Tor des jungen Justin Fashanu, ein neuer Fußballstar war geboren. Der Fußballklub Nottingham Forest, damals ein Spitzenverein in England, wurde auf das Talent aufmerksam und verpflichtete den jungen Spieler im Alter von gerade einmal 20 Jahren für eine Million Pfund. Justin Fashanu war der erste schwarze Fußballer, für den in England eine Millionensumme gezahlt wurde, für damalige Verhältnisse eine Sensation. Die steile Karriere zum Fußballstar war vorgezeichnet und Justin hatte alle Fähigkeiten, ein ganz Großer in der Fußballwelt zu werden. Aber es sollte alles ganz anders kommen, denn Justin Fashanu war schwul.

In Nottingham angekommen, bekam sein damaliger Trainer Brian Clough mit, dass sich Justin immer wieder in der Schwulenszene aufhielt und dort auch ständig beobachtet wurde. Mit dieser Situation konnte der Trainer, der nicht gerade als sanftmütig galt, überhaupt nicht umgehen. Er ließ Justin seine Abneigung spüren und wollte ihn so schnell wie möglich wieder loswerden. Er nutzte dazu jede Gelegenheit, vor versammelter Mannschaft verspottete der Trainer Justin als „verdammte Schwuchtel“. Der junge Justin litt unter ungeheurem psychischen Druck und versuchte in weiterer Folge, seine Homosexualität zu unterdrücken. Aber es half alles nichts, seine fußballerischen Leistungen wurden durch das vehemente Mobbing immer schlechter. Als er auch noch aus einem belanglosen Grund vom unfairen Trainer einfach suspendiert wurde, brach eine Welt für den jungen Justin zusammen. Er weigerte sich, das Trainingsgelände zu verlassen, denn er wollte seinen Traum, ein bekannter Fußballstar zu werden, immer noch verwirklichen. Aber er hatte keine Chance, denn die herbeigerufene Polizei schaffte den verzweifelten jungen Mann vom Gelände weg.

Das Leben von Justin Fashanu geriet nun endgültig aus dem Ruder. Er ging ins Ausland und spielte für verschiedene Vereine, unter anderem auch in den USA und Kanada. Ständig änderte er seinen Wohnsitz, seine Homosexualität unterdrückte er aber noch immer. Erst der Tod eines guten Freundes von Justin, der Selbstmord beging, weil seine Eltern ihn wegen seiner Homosexualität einfach vor die Tür setzten, rüttelten ihn wach. Er kehrte nach England zurück und gab als aktiver Fußballprofi im Oktober 1990 der englischen Boulevardzeitung „The Sun“ ein folgenschweres Interview mit dem Titel: „Eine Million Pfund teurer Fußballstar: Ich bin schwul“. Diese Veröffentlichung schlug ein wie eine Bombe, noch nie zuvor war ein aktiver Fußballspieler so mutig gewesen, zu seiner sexuellen Neigung öffentlich zu stehen. Justin Fashanu fühlte sich befreit, eine schwere Last war soeben von seinen Schultern gefallen. Aber die Reaktionen auf sein gewagtes Geständnis fielen anders aus, als er sich gedacht hatte.

Die schwarze Gesellschaft brachte für ihn nur Unverständnis entgegen und die Medien behandelten ihn von nun an wie einen Aussätzigen. Die gegnerischen Fans verhöhnten ihn mit diskriminierenden Gesängen, Freunde und Bekannten wandten sich von ihm ab. Aber am schlimmsten für Justin war die Demütigung von seinem eigenen Bruder, der ihn öffentlich als Ausgestoßenen bezeichnete. Justin konterte mit verschiedenen Auftritten in der Öffentlichkeit und in Talkshows, denn schlagfertig war er schon immer gewesen. Er genoss es, im Mittelpunkt zu stehen, jedoch war er als Außenseiter sehr isoliert und wurde immer wieder depressiv. Nach seinem Outing war es für Justin mittlerweile sehr schwierig geworden, einen neuen Fußballklub zu finden, denn keiner wollte mit einem schwulen Fußballer zu tun haben.

Nachdem er seine aktive Karriere beenden musste, arbeitete Justin als Jugendtrainer in den USA weiter. Dort wurde er bald verdächtigt, einen 17 Jahre alten Jungen im betrunkenen Zustand vergewaltigt zu haben. Obwohl er unschuldig war, was später auch von der Polizei festgestellt wurde, wurde er von der Presse sofort vorverurteilt. Er kehrte nach England zurück um sich aus dem Rampenlicht fernzuhalten, aber die Hetzkampagne der Medien war hart und unbarmherzig. Als der Druck auf ihn immer größer wurde, wusste der verbitterte Justin keinen Ausweg mehr.

Am 02. Mai 1998 erhängte sich Justin Fashanu im Alter von nur 37 Jahren in einer Garage. Er war weltweit der erste Fußballspieler, der es wagte, sich während seiner aktiven Spielerkarriere zu outen.

Die Homophobie und die Feindseligkeit gegenüber Schwulen in der Fußballszene trieben Justin Fashanu, der vermutlich als Heterosexueller ein großer Fußballstar geworden wäre, in den Tod. Später wurde ein Abschiedsbrief von ihm gefunden:

„“Wenn irgendjemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart. Ich will sagen, dass ich den Jungen nicht vergewaltigt habe. Er hatte bereitwillig Sex mit mir, doch am nächsten Tag verlangte er Geld. Als ich nein sagte, sagte er: ,Warte nur ab!’ Wenn das so ist, höre ich euch sagen, warum bin ich dann weggerannt? Nun, nicht immer ist die Justiz gerecht. Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen würde. Ihr wisst, wie das ist, wenn man in Panik gerät. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben““

Seit dieser Zeit hat sich die Gesellschaft stark verändert. Jedoch ist das Vertrauen in die Fußballgemeinschaft noch immer nicht groß genug, um es schwulen Fußballern problemlos zu ermöglichen, zu ihrer Homosexualität zu stehen. Denn ein schwuler Fußballprofi ist noch immer ein Tabuthema, damals wie heute.

Comments

  1. Ich hatte bisher noch nie etwas über Justin Fashanu gelesen, was auch daran liegen kann, dass ich in Sachen Fußball nicht sehr bewandert bin. Dennoch hat mich diese Geschichte sehr bewegt und ich wünsche mir für die Gegenwart und die Zukunft, dass mehr und mehr Menschen verstehen, dass Homosexualität genauso natürlich ist wie Hetero- oder Bisexualität. Das wird für ein harmonischeres Miteinander auf dieser Erde sehr förderlich sein.
    Euch allen ein Gutes Jahr 2013! PS: Nussknackers Kommentar klingt sehr einleuchtend. Gratulation!

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  2. Sehr bewegende Geschichte.
    Toleranz ist eine Sache des Verstandes und Homophobie, also Angst, ist etwas unterschwelliges und emotionales. Da hat man schlechte Karten.
    Ich glaube, dass Fußball eine Form von Homoerotik zwischen heterosexuellen Männern ermöglicht, die in einem klar definierten Rahmen steckt und darum „erlaubt“ ist. Der Rahmen stellt die Sicherheit her. Athlethische Körper werden bewundert, man jubelt und weint zusammen und fällt sich in die Arme. Die Spieler trainieren und duschen zusammen und fallen sich auch andauernd in die Arme. Das alles ist ganz normal innerhalb des Rahmens „Sporterlebnis“ und funktioniert nur, so lange klar gestellt ist, dass alle heterosexuell sind.
    Der fragile Rahmen erlaubter Nähe wird von einem Schwulen einfach zu sehr bedroht. Ein Mann, dem man unterstellt, er würde so über alle anderen Männer denken, wie ein Durschnitts-Hetero über alle verfügbaren Frauen, stellt eine Gefährdung der männlichen Selbstwahrnehmung dar.
    Vermute ich.

    Grüße

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  3. Wirklich eine traurige Geschichte…Ich frage mich sowieso, warum vor allem im Sport, wo es eigentlich kein bisschen auf persönliche dinge ankommt an jeder Ecke Diskriminierungen stattfinden. Nicht nur gegenüber Homosexuellen sondern auch immer noch gegenüber anderen Nationalitäten als der eigenen. Kann nicht endlich einmal jeder so akzeptiert und respektiert werden wie er ist? Niemand sollte sich verstecken müssen, weil er Angst vor der Gesellschaft haben muss. Einfach traurig, dass das in bisher viel zu wenigen Köpfen angekommen ist!

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  4. Ich finde es furchtbar, dass ein so junger Mann jegliches Vertrauen an die Menschheit und den Mut zu leben verlieren musste. Natürlich war damals noch eine andere Zeit und es hat sich seitdem tatsächlich vieles verändert. Dennoch finde ich es traurig, dass es in der Fußballszene so verpönt ist, schwul zu sein. Ich denke, es sollte jedem selbst überlassen sein, wie man liebt und wen man liebt und man sollte die Menschen so akzeptieren, wie sie sind. Wenn die Menschen dies nicht können sind sie einfach nur ignorant und heuchlerisch. Sie sollten mal anfangen über sich selbst nachzudenken, bevor sie andere dieskriminieren, nur weil diese homosexuell sind!

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  5. Wer einmal im Stadion war, kann glaube ich verstehen, warum sich Fussballer nicht outen. Ich teile es in Läuferkreisen aber auch nicht jedem mit. Bei den Ultras wird es sich irgendwann schon rumsprechen, das sind nicht soviele. Und sonst kommt es immer auf das Vertrauensverhältnis an, das man seinem Gegenüber hat. Bei Läufern sind Altersklassen und Wehwehchen wichtigere Themen, denke ich. Nach meinem Diabetes fragt ja eigentlich auch nie einer :-))

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