Souad -– Bei lebendigem Leib verbrannt

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Souad wuchs im Westjordanland, einem von überwiegend Israel besetzten Gebiet, als Tochter von einem einfachen Bauern auf. Wie in vielen Siedlungen herrschte auch in ihrem Dorf ein strenges und traditionelles Wertesystem, wo man als Frau überhaupt keine Rechte hatte. Auch Souad musste bereits als kleines Mädchen lernen, alles dem Mann unterzuordnen. Mit ihren Schwestern schuftete sie den ganzen Tag am Feld, während ihr Bruder verherrlicht und die Schule besuchen durfte. Wenn ihr autoritärer Vater nach Hause kam, musste sie ihm die Schuhe ausziehen und ihm die Füße waschen. Obwohl sie alles für ihren Vater tat, wurde sie oft von ihm mit einem Stock verprügelt, denn Männer durften Gewalt gegen Frauen ausüben, auch ohne irgendwelche Gründe.

Souad lebte wie eine Sklavin, ihr Leben war geprägt von harter Arbeit, vom Dienen und von ständiger Unterwerfung. Oft hatte sie auch Todesangst, denn für jedes noch so kleinste Vergehen gab es eine harte Strafe. So wurde sie einmal neben dem Vieh im Stall an einen Pfosten gebunden und musste zusehen, wie ihr Vater ein Schaf neben ihr schlachtete. Souad glaubte, dass er ihr auch die Kehle durchschneiden wollte, er hätte dafür als Mann nicht einmal eine strenge Strafe zu befürchten gehabt. Als Analphabetin und ohne Schulausbildung hatte sie keine Hoffnung auf ein besseres Leben. Bis zu jenem Tag, als sie sich in einen jungen Mann aus der Nachbarschaft verliebte.

Foto von MMH
unter CC BY-SA 3.0

Sie traf sich heimlich mit dem Mann. Souad glaubte an eine Heirat mit ihm, damit sie aus der Versklavung ihres Vaters gerettet werden konnte. Einige Zeit später wurde Souad im Alter von 17 Jahren, sexuell völlig unaufgeklärt, schwanger, sie vertraute nun auf ihren Geliebten und eine baldige Heirat. Jedoch nutzte dieser Souad nur aus flüchtete feige aus dem Dorf, um Ärger mit dem Vater von Souad aus dem Weg zu gehen. Diese Flucht würde vermutlich das Todesurteil von Souad bedeuten. Als unverheiratete Frau schwanger zu sein, bedeutete Schande über die Familie gebracht zu haben. Souad hatte furchtbare Angst, denn in einer Gesellschaft, wo bereits ein schneller Blick auf einen fremden Mann genügte, um einen großen Skandal auszulösen, war sie nun schwanger und vollkommen auf sich alleine gestellt. Als sie ihre Schwangerschaft vor der Familie nicht mehr verbergen konnte, wurde sie sofort unter Hausarrest gestellt. Der Familienrat, der nur aus den Männern des Hauses bestand, fällte schnell eine erbarmungslose Entscheidung, um die Familie von dieser Schande wieder reinzuwaschen.

Souad machte gerade die Wäsche im Hof, als ihr Schwager sich von hinten an sie anschlich. Plötzlich schüttete er Benzin über sie und zündete Souad an, die sofort lichterloh zu brennen anfing. Die bei lebendigem Leib brennende Souad schrie vor Schmerzen und stürzte sich voller Panik über die Gartenmauer. Zufällig sahen zwei Frauen Souad und schlugen mit ihren Schleiern auf sie ein, um das Feuer zu löschen. Die schwerverletzte junge Frau wurde in ein naheliegendes Krankenhaus gebracht, wo man ihr die Kleiderreste und die verkohlten Hautfetzen vom Körper wusch. Dann überließ man sie wieder allein ihrem Schicksal, denn in eine sogenannte „Familienangelegenheit“ wollte man sich nicht einmischen. Im Zimmer roch es nach verbranntem Fleisch und die Wunden begannen zu eitern, Souad musste ohne Hilfe und ohne irgendwelche Schmerzmittel unglaubliche Qualen erleiden. Eines Tages besuchte sie die Mutter im Krankenhaus, als Geschenk hatte sie eine Giftflüssigkeit mitgebracht, um die Schande für ihre Familie endgültig zu beenden. Im letzten Moment kam jedoch ein Arzt dazwischen und verscheuchte die Mutter.

Es wurde eine Frau auf Souad aufmerksam, die für eine humanitäre Stiftung arbeitete. Sie kümmerte sich nun um Souad und plante eine Rettungsaktion für die junge Frau. Mit dem Vater von Souad wurde in zähen Gesprächen vereinbart, dass man Souad in ein weit entferntes Krankenhaus verlegen konnte und man die Verfügungsgewalt über Souad erhielt. Im Gegenzug musste man den Eltern aber versprechen, dass man ihre Tochter nie wieder im Dorf sehen wird, damit die Familie erzählen konnte, dass sie gestorben war. Somit war die Familienehre im Dorf wieder gerettet.

Souad und ihr neugeborenes Kind wurden nach Europa ausgeflogen. Nach vielen Operationen in einer Spezialklinik wurden die körperlichen Missbildungen durch die starken Verbrennungen so gut es ging behoben, doch der Körper von Souad war für immer entstellt. Sie litt jahrelang an Depressionen und hatte ständig nervliche Zusammenbrüche zu überwinden. Doch langsam kämpfte sie sich wieder zurück in das Leben und schaffte es, mit ihrer schrecklichen Vergangenheit abzuschließen. Sie heiratete einen lieben Mann und bekam noch zwei weitere Töchter.

Nach vielen Jahren fand Souad den Mut, der Weltöffentlichkeit von ihrem Trauma zu erzählen und verfasste ein Buch, welches sofort ein Bestseller wurde. Sie schilderte darin ihre unfassbaren Erlebnisse in ihrer Vergangenheit und dem fast geglückten Ehrenmord an ihr. Sie trug ihre Geschichte an die Öffentlichkeit um der Welt zu zeigen, welche grausamen Dinge heute noch immer vielen Frauen angetan werden. Bei ihren öffentlichen Auftritten muss sie aber jederzeit eine Maske aufsetzen und ihren Wohnort hält sie geheim, denn sie ist noch immer in großer Gefahr. Seit ihrer Flucht aus dem Westjordanland hat sie zwar keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie, aber wenn diese Souad wiedererkennen, würde sofort wieder ein Familienmitglied versuchen, Souad umzubringen.

Jedes Jahr werden etwa 5.000 Mädchen und Frauen aufgrund dieser Ehrenmorde umgebracht. Viele Frauen leben in ständiger Angst und müssen jederzeit mit dem Schlimmsten rechnen. Denn die Schande muss immer die Frau verantworten, auch wenn sie vollkommen unschuldig ist.

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