Shin Dong-hyuk -– Die Flucht aus dem Straflager in Nordkorea

Lesezeit: ca. 6 Minuten

In Nordkorea existieren offiziell keine Straflager und sie werden von der nordkoreanischen Regierung auch vehement abgestritten. Doch es gibt diese Gefangenenlager tatsächlich. Shin Dong-hyuk wurde in einem dieser Straflager als Sohn zweier Gefangener geboren und sollte aus diesem Grund auch den Rest seines Lebens dort verbringen. Das Straflager Kaechon Nr. 14 mit etwa 15.000 Gefangenen war von nun an sein Zuhause, wo Menschen den Tod als Erlösung ansahen, denn der Alltag war grausam und schlimmer als jede vorstellbare Hölle.

Bereits als kleines Kind musste Shin Dong-hyuk in einem Kohlebergwerk schuften und harte körperliche Feldarbeit verrichten. Täglich um 4 Uhr früh musste er aufstehen und kam erst spät in der Nacht wieder ins Bett. So wie die anderen Gefangenen litt er an Überanstrengung und Übermüdung. Doch am schlimmsten war das ständige Hungergefühl, denn man erhielt nur sehr unzureichende Essensrationen. Die Gefangenen aßen aus Hungersnot Insekten, Ratten und Frösche, um irgendwie zu überleben. Als Shin Dong-hyuk kurz die Schule besuchen durfte, gab es ein kleines Mädchen, welches vor lauter Hunger ein paar Maiskörner stahl. Doch ein Aufseher erwischte sie bei einer Kontrolle und befahl dem verängstigten Mädchen sofort, sich hinzuknien. Vor versammelter Klasse schlug er nun mit voller Wucht mit einem Stock auf ihren Kopf ein, bis das Mädchen das Bewusstsein verlor und zusammenbrach. Ihre Verletzungen waren so schwer, dass sie nicht mehr aufwachte.

Die Stimmung der Gefangenen im Lager war immer gedrückt und von den barbarischen Lagerregeln geprägt. Shin Dong-hyuk hatte keine Freunde und auch keine besondere Bindung zu seinen Eltern, die ihm überhaupt keine Zuneigung oder Liebe gaben. Die Mutter schlug ihn ständig und war nur eine weitere Konkurrentin um Essensrationen. Nach einem aufgedeckten Fluchtversuch von seiner Mutter wurde auch der unschuldige Shin Dong-hyuk dafür bestraft, er wurde in eine kleine unterirdische Zelle gesperrt, wo er nicht einmal aufrecht stehen konnte. Dann wurde er immer wieder gefoltert, er musste sich einmal komplett ausziehen und wurde kopfüber aufgehängt, um dann über einem Feuer geschmort zu werden, bis er vor Schmerzen ohnmächtig wurde. Nach über sechs Monaten unvorstellbarer Qualen wurde er plötzlich an den Exekutionsplatz gebracht, wo Shin Dong-hyuk bereits mit seinem Tod rechnete. Aber nicht er kam an die Reihe, sondern seine Mutter und sein Bruder. Er musste mitansehen, wie seine Mutter am Galgen brutal erhängt und sein Bruder erschossen wurde. Shin Dong-hyuk erlebte oft diese öffentlichen Hinrichtungen, wo auch immer wieder Kinder beteiligt waren. Er war nur froh, dass es nicht ihn selbst getroffen hatte.

Shin Dong-hyuk: „„Ich war gezüchtet, um Arbeiten zu verrichten. Ich war ein Sklave, ich war ein Tier““

Shin Dong-hyuk wurde jahrelang als wertloser Sklave aufgezogen, ohne Hoffnung und irgendeinen Sinn im Leben. Dies änderte sich zum ersten Mal, als er einen neuen Mithäftling kennenlernte, der ihm unglaubliche Dinge aus der Welt außerhalb des Lagers erzählte. Er berichtete von Restaurants, wo man viele verschiedene Fleischgerichte bestellen konnte und wo man essen konnte, was man wollte. Für Shin Dong-hyuk waren dies unvorstellbare Dinge und als er noch weitere faszinierende Geschichten über die Lebensgewohnheiten außerhalb des Straflagers hörte, sah er zum ersten Mal eine Perspektive in seinem trostlosen Leben. Gemeinsam mit seinem neuen Freund wurde bald ein Fluchtplan entwickelt, um aus dieser Hölle ausbrechen zu können. Als sie eines Tages zum Holzsammeln in der Nähe des Grenzzaunes eingeteilt wurden, schien der perfekte Zeitpunkt gekommen zu sein.

Als ihre Bewacher in einem kurzen Moment nicht auf sie achteten, rannten sie wie vom Blitz getroffen los, um irgendwie unter dem Zaun durchzukriechen. Der Freund von Shin Dong-hyuk stolperte aber unglücklich und kam mit dem Hochspannungs-Elektrozaun in Berührung, er wurde sofort durch den Stromschlag getötet. Im Zaun bildete sich dadurch aber eine kleine Öffnung, wo Shin Dong-hyuk durchkriechen konnte. Er wusste, wenn er jetzt nicht flüchtete, würde es sein sicheres Todesurteil bedeuten. Shin Dong-hyuk schaffte es, durch die Öffnung im elektrischen Zaun zu kriechen, erlitt dabei aber schwere Verbrennungen. Schwer verletzt schleppte sich Shin Dong-hyuk sofort weiter, immer weiter weg von dem unmenschlichen Gefangenenlager.

Shin Dong-hyuk: „„Ich hatte kein Ziel, wusste nicht, wo China liegt, ich wollte nur weg vom Lager““

Shin Dong-hyuk gelang die Flucht und schüttelte seine Verfolger erfolgreich ab. Er drang nun in eine Welt ein, wo er tatsächlich Menschen sah, die glücklich waren und lachten. Nirgendwo gab es Wächter, die brüllten und Menschen verprügelten, er hatte so etwas noch nie erlebt. Shin Dong-hyuk brach in Häuser ein, er stahl Kleidung und Lebensmittel und legte hunderte Kilometer zurück, immer mit der Angst, dass er doch noch entdeckt und ins Lager zurückgebracht wurde. Aber er schaffte das Unmögliche und schmuggelte sich irgendwie über die Grenze nach China. Von nun an hatte er Nordkorea und das Gefangenenlager für immer hinter sich gelassen, aber das bisherige Leben hatte viele Spuren hinterlassen.

Der Körper von Shin Dong-hyuk war für immer entstellt. Seine Arme waren leicht verformt und ein Teil seines rechten Mittelfingers fehlte, weil er einmal versehentlich eine Nähmaschine in der Bekleidungsfabrik fallen ließ. Der Wärter hackte ihm daraufhin als Bestrafung einen Teil des Fingers ab. Die Spuren seines gequälten Körpers zeigten eine unfassbare Leidensgeschichte, die kaum vorstellbar war. Shin Dong-hyuk versuchte trotzdem positiv in die Zukunft zu blicken und wollte der restlichen Welt über den schrecklichen Zustand in den nordkoreanischen Gefangenenlagern berichten. Er schrieb ein Buch über seine Erlebnisse und ein Film wurde darüber gedreht. Diese Öffentlichkeitsarbeit war für viele Gefangene in Nordkorea ein letzter Hoffnungsschimmer, um den internationalen Druck auf Nordkorea zu erhöhen, damit die Menschen besser behandelt wurden.

In Nordkorea befinden sich etwa 200.000 Menschen meistens unschuldig und ohne Gerichtsverhandlung in solchen Straflagern. Jeden Tag sterben dort viele Gefangene durch die Kombination von Sklavenarbeit und Unterernährung. Arbeitsunfälle, Krankheiten, Vergewaltigungen und Folter gehören genauso zum Alltag wie unbarmherzige und gewaltbereite Wächter. Shin Dong-hyuk überlebte 22 Jahre diese Höllenqualen und macht heute die Öffentlichkeit auf diese Gefangenenlager aufmerksam, denn noch immer werden diese schrecklichen Menschenrechtsverletzungen vom nordkoreanischen Staat ignoriert und geleugnet.

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