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Loreta Asanaviciute wurde am 22. April 1967 in Vilnius (Litauen) geboren. Die Zeit in der sie aufwuchs war sehr turbulent und geprägt von dem Kampf für die Unabhängigkeit und Freiheit der baltischen Staaten. Die Sowjetunion unterdrückte Litauen, Lettland und Estland und erkannte diese Länder nicht als eigenständige Länder an. Loreta war eine sehr pflichtbewusste und bescheidenes Mädchen, besuchte den Kindergarten und später das Gymnasium. Um ihrer Mutter zu helfen, begann sie neben ihrem späteren Studium als Schneiderin zu arbeiten, um zusätzlich Geld für ihre Familie zu verdienen. In ihrer Freizeit war sie Mitglied in einem Volksmusikverein, mit ihrer schönen Stimme verzauberte sie laufend die Zuhörer. Auch begann sich Loreta immer mehr mit ihrem geliebten Land auseinanderzusetzen und glaubte an eine bessere Zukunft. Daher nahm sie immer wieder an Protestveranstaltungen teil, um friedlich gegen die Besetzung der Sowjetunion zu demonstrieren.

Loreta war glücklich, vor kurzem hatte sie sich verlobt und sie wollte heiraten. Aber die Situation mit der Sowjetunion hatte sich einstweilen immer weiter zugespitzt. Die Sowjetunion wollte die baltischen Staaten nicht so einfach ziehen lassen, für sie stand viel auf dem Spiel bis hin zum Zerfall der UdSSR. Die litauische Regierung forderte am 13. Jänner 1991 in einem dringenden Appell die Bevölkerung auf, das Parlament und den Fernsehturm von Vilnius vor den Russen zu schützen. Zu diesem Zeitpunkt glaubte man nicht an gewalttätige Aktionen des übermächtigen Gegners und so machten sich viele unbewaffnete Menschen auf den Weg und verschanzten sich um die wichtigsten Gebäude der Stadt. Mittendrin war auch Loreta, die sich vor dem Fernsehturm, dem Symbol für die Unabhängigkeit Litauens, gemeinsam mit ihren Freunden und vielen anderen Menschen befand. Währenddessen verließen erste russische Panzer ihre Kasernen, ihr Ziel: der Fernsehturm von Vilnius.

Es war eine kalte Nacht, und die Menschen am Fernsehturm sangen die streng verbotenen Volkslieder ihrer Nation. Plötzlich hörten sie aus der Ferne ein lärmendes und rumpelndes Geräusch, eine ganze russische Panzerkolonne näherte sich über die Hauptstraße. Im selben Moment zerstörte eine Spezialtruppe der Russen gezielt die Laternen, die die Umgebung des Fernsehturmes erhellten. Es wurde alles dunkel, und die Menschen bekamen Angst, aber sie blieben mutig auf ihren Positionen stehen. Blitzartig ertönte eine Sirene, die den Angriff der russischen Truppen auf den Fernsehturm einleiten sollte. Die Menschen bildeten eine Kette um den Turm und riefen immer wieder: „Freiheit für Litauen! Auch Loreta war sehr verängstigt, aber sie glaubte an ein gewaltfreies Ende und blieb beherzt mit ihren Freunden Hand in Hand in der Menschenkette stehen, um für die Freiheit einzustehen. Doch die Panzer näherten sich immer mehr und befanden sich bereits gefährlich nahe den Menschen. Es herrschte dröhnender Lärm von den Panzern und eine fast unerträgliche Spannung lag in der Luft. Was würde nun passieren? Plötzlich preschte einer der Panzer vor, Loreta und ihre Freunde versuchten vor Schreck noch irgendwie zurückzuweichen, aber da war es bereits zu spät.

Das Letzte, was eine Freundin von Loreta spürte, war der immer fester werdende Händedruck von Loreta kurz vor dem Zwischenfall. Schlagartig spürte sie ihn nicht mehr. Es herrschte völliges Chaos, Menschen schrien vor Panik und liefen wild umher. Da bemerkte die Freundin von Loreta das Unglück: Mitten unter dem tonnenschweren Panzer befand sich Loreta, die von dem Panzer erfasst wurde. Schwerverletzt wurde sie mit inneren Blutungen ins Krankenhaus gebracht, sie hatte noch die Hoffnung, einfach zu überleben.

Aber die Verletzungen waren zu schwer. Loreta Asanaviciute verstarb wenige Stunden nach dem Angriff im Alter von nur 23 Jahren. An diesem Tag am 13. Jänner 1991 (Vilniusser Blutsonntag) starben insgesamt 14 Menschen, über 1000 Menschen wurden verletzt.

Die Sowjetunion teilte mit, dass es sich bei den Opfern nur um Verkehrstote handelte, aber die Bilder von den internationalen Fernsehteams bewiesen das Gegenteil. Diese Bilder der ermordeten Menschen waren die stärkste Waffe, die Litauen gegen die Sowjetunion nun hatte. Und als der internationale Druck zu diesem Vorfall immer größer wurde, erkannte die Sowjetunion die Freiheit von Litauen und der anderen baltischen Staaten endlich an.

Loreta erlebte diese Unabhängigkeit und den grenzenlosen Jubel der Menschen in den baltischen Staaten nicht mehr. Sie gilt bis heute in Litauen als Heldin und als ein besonderes Vorbild für Mut und Courage.

In Litauen gibt es zahlreiche Denkmäler und Gedenkstätten, die an Loreta Asanaviciute und ihr Schicksal erinnern.