Der Streik – 187 Näherinnen verändern die Welt

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Die Ford-Fabrik in Dagenham im Nordosten von England war 1968 für die Menschen mit Abstand wichtigster Arbeitgeber. Alles drehte sich um die Autoproduktion und jeder stand irgendwie in Verbindung mit dieser Fabrik, welche diesen Vorort von London stark prägte. Mittendrin in einer alten und baufälligen Fabrikhalle arbeiteten auch 187 Näherinnen, die Autositze für die Ford-Modelle zusammennähten. Ihre Arbeitsbedingungen waren jedoch alles andere als optimal, zusammengepfercht auf engstem Raum mussten die Frauen die Polsterbezüge nähen, im Winter waren sie dort der Kälte schutzlos ausgeliefert. Im Sommer hingegen war die Halle so unerträglich heiß und stickig, dass sie oft nur in Unterwäsche arbeiten konnten. Für diesen Knochenjob gab es nur eine geringe Bezahlung, Frauen verdienten in diesen Jahren generell weniger als die Männer, obwohl man oft gleich qualifiziert war. Die Näherinnen erledigten die Arbeit aber professionell und ohne sich zu beschweren, bis das Management von Ford mit einer Hiobsbotschaft für die Frauen das Fass endgültig zum überlaufen bringen sollte.

Sie erfuhren, dass sie von nun an zu „ungelernten Arbeiterinnen“ herabgestuft wurden, womit sie sich auf einer Stufe mit dem Reinigungspersonal befanden. Dies hatte natürlich zur Folge, dass sie dementsprechend wieder weniger Geld verdienten. Einstimmig beschlossen die Frauen, einen eintägigen Warnstreik zu absolvieren, um ihren Protest Ausdruck zu verleihen. Das Management von Ford reagierte aber gelassen darauf und vereinbarte ein Gespräch mit der Gewerkschaft und einem zusätzlichen Vertreter für die Frauen, welche Rita O’Grady heißen sollte.

Rita war eine bescheidene und unscheinbare Frau, lebte mit ihrem Mann und den beiden Kindern in der Nähe der Fabrik und sollte als psychologische Stütze für die Gewerkschaft dienen. Doch die „männlichen“ Gewerkschaftsvertreter und das „männliche“ Management versuchten nur, einen faulen Kompromiss zu machen, und es sollte sich nicht wirklich etwas ändern. Da platzte aber Rita der Kragen und ergriff mitten in der Verhandlung selbst das Wort. Sie forderte eine gerechte Entlohnung, andernfalls würden die Frauen die Arbeit weiter niederlegen. Mit diesen Worten ließ sie die verblüfften Männer zurück, mit so einem direkten Angriff hatten sie nicht gerechnet. Zurück in der Fabrik genügten Rita zwei Worte, um die anderen Frauen über das Gespräch zu informieren: „Alle raus!“. Mit diesen Worten begann der erste Frauenstreik in der britischen Geschichte.

Das Management von Ford nahm den Streik noch immer auf die leichte Schulter und mahnte die Frauen in einem rechthaberischen Schreiben einfach ab. Aber dies machte die Frauen immer ärgerlicher, denn immer mehr stellte sich heraus, dass man sie ignorierte, nur weil sie Frauen waren. Die Näherinnen begannen nun mit öffentlichen Kundgebungen, um die Haltung der Frauen publik zu machen. Die unauffällige Rita entwickelte sich zu einer immer selbstbewussteren Anführerin und schaffte es dadurch, immer mehr Menschen hinter sich zu bringen. Inzwischen entwickelte sich dieser Streik zu einer nationalen Angelegenheit, denn Rita hatte es durch ihre Überzeugungskraft geschafft, die ganze Gewerkschaft hinter sich zu bringen. Aber durch diesen Streik kam es bald zu ganz anderen Problemen.

Dadurch, dass keine Autositze mehr genäht wurden, konnten auch keine Autos mehr ausgeliefert werden, und die ganze Produktion stand still. Tausende Männer hatten plötzlich keine Arbeit mehr, darunter waren auch Ehemänner, Freunde und Väter der Frauen. Als der Druck auf die Frauen immer größer wurde, kam von unerwarteter Seite Hilfe für sie. Die damalige Ministerin des Landes für Arbeit und Produktivität, Barbara Castle, wurde auf die Frauen aufmerksam und kannte die Probleme der Frauen, denn auch sie selber musste immer wieder gegen Widerstände und Ungerechtigkeiten ankämpfen. Sie lud die Frauen zu einem Gespräch ins Parlament ein, um sie auch von politischer Seite zu unterstützen.

Wie ging dieser Machtkampf schlussendlich aus? Die Näherinnen bekamen durch ihre Entschlossenheit die Lohnerhöhung, denn der Streik und der Produktionsstillstand der Fabrik kosteten Ford bereits Millionen.

Entfacht durch den Streik der Frauen entwickelte sich 1970 der „Equal Pay Act“, das britische Gesetz versprach die gesetzliche Gleichstellung von Männern und Frauen im Bezug auf Bezahlung und Arbeitsbedingungen.

Dieses Gesetz erlangte schnell internationale Bekanntheit und in den meisten Industrieländern wurden ebenfalls Gesetze zur Lohngleichheit erlassen, die Revolutionierung der Frauenrechte hatte begonnen. Viele Frauen fanden nun den Mut, ebenfalls für ihre Rechte zu kämpfen.

Ganze 187 Näherinnen veränderten die Welt, obwohl es ihnen damals noch nicht bewusst war.

Damalige Näherin: „„Wir hätten nie gedacht, dass aus unserem kleinen Streik etwas so Großes werden würde““

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