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Paris, 1968. Ein junger Mann stürmt in die Zahnarztpraxis. Im Moment will er nur eines – endlich von seinen Zahnschmerzen befreit werden! Doch er muss warten, so wie viele andere Leidgeplagte im Warteraum. Stechende Schmerzen. Er hält es kaum aus und schnappt sich zur Ablenkung eine Zeitung. Als er einen Entwurf der zwei Zwillingstürme des World Trade Centers erblickt, ist es um ihn geschehen. Innerhalb weniger Sekunden trifft er eine Entscheidung, die sein Leben für immer verändern wird.

Philippe Petit ist schon immer Außenseiter, ein echter Rebell. Er hat Probleme mit Autoritäten und fliegt aus fünf verschiedenen Schulen. Freiheit bedeutet ihm alles und die Magie. Zaubern, Malen, Jonglieren und Schauspielern sind die Dinge, die er liebt. Als Jugendlicher bringt er sich selbst das Seiltanzen bei und beginnt, mit dem Drahtseil an außergewöhnlichen Orten zu balancieren. Seine Brötchen verdient er sich als Straßenkünstler, die Leute lieben ihn. Als Philippe Petit an jenem Tag beim Zahnarzt die Türme des World Trade Centers zum ersten Mal sieht, reift in ihm ein unfassbarer Plan. Er will zwischen den Türmen ein Seil spannen und darauf gehen. In über 417 Metern Höhe, ohne Absicherung.

Philippe Petit: „Wenn ich drei Orangen sehe, muss ich jonglieren, wenn ich zwei Türme sehe, muss ich ein Seil spannen und tanzen“


Für sein Vorhaben wird er von seinen Freunden belächelt, aber am Ende lacht keiner mehr über ihn. Alles ist geheim, denn das Projekt ist strengstens illegal. Er übersiedelt nach New York, wo sich das Word Trade Center gerade in Bau befindet. Er gibt sich als Maler oder Architekt aus, um in den Rohbau zu kommen und Informationen zu sammeln. Er interviewt sogar den Präsidenten des World Trade Centers, Guy Tozzoli, weil er sich als Journalist ausgibt. Insgesamt sechs Jahre nimmt die Vorbereitungszeit in Anspruch, Philippe Petit lernt alles bis ins kleinste Detail. Er weiß wann die Arbeiter kommen, wann die Schicht endet, wie die Fahrstühle funktionieren und wie er unbemerkt auf das Dach gelangen kann.

Philippe Petit: „Ich habe das World Trade Center in- und auswendig studiert, um mein Leben zu schützen“

Am Abend des 6. August 1974 ist es schließlich so weit, er verschafft sich mit einem Helferteam Zugang zu den Türmen. Sie geben sich als Baufirma aus um angeblich Material zu liefern. Doch die Kisten bestehen aus einer Balancierstange, Schnüre, Werkzeuge und einem 75 Meter langen und 200 kg schweren Stahlseil. Hätte man sie näher kontrolliert, alles wäre sofort aufgeflogen. Die Vorarbeiten für diesen Seiltanz sind nichts für schwache Nerven. Unter größter Anstrengung spannt man das schwere Drahtseil zwischen den etwa 50 Meter entfernten Türmen, immer mit der Angst im Rücken, erwischt zu werden. Vor den Wachmännern verstecken sie sich unter Planen, ihr Schutz ist die Dunkelheit. Die Zeit drängt, alles hängt an einem seidenen Faden. Als der Sonnenaufgang naht, haben sie es tatsächlich geschafft. Philippe Petit steht vor seinem bisher größten Abenteuer.

Philippe Petit: „Ich realisierte in diesem Moment: Das ist kein Traum mehr, es passiert“


Als Philippe Petit den ersten Fuß auf das Seil setzt, fällt die ganze Belastung ab. Es ist kurz nach 7 Uhr am Morgen, als er in eine andere Welt eintaucht. Fast 500 Meter über dem Boden, wo sich gerade die ersten Menschen auf den Weg in die Arbeit machen. Mit verlässlicher Sicherheit marschiert der junge Mann auf dem schmalen Seil in Richtung des anderen Turmes. Zwischendurch kehrt er um, setzt oder legt sich hin. Ohne Sicherung. Ein falscher Schritt oder eine heftige Sturmböe, Philippe Petit würde abstürzen. Aber er denkt nicht daran, sondern genießt das Erlebnis. Er ist angekommen in seiner Welt. Auf dem Seil kann ihm keiner etwas anhaben, auch nicht die Polizei, die schon auf den Dächern der beiden Türme auf ihn wartet. Und ganz New York staunt. Hunderttausende Schaulustige beobachten ihn von unten und lösen einen gewaltigen Stau aus, da die Leute einfach ihr Auto stehen lassen um den Seiltänzer zu bewundern. Das Schauspiel dauert etwa 45 Minuten, danach wird er sofort von der Polizei verhaftet.

Philippe Petit: „Es war ein Gefühl des Sieges, ich hatte etwas Unglaubliches erreicht“

Philippe Petit wird verhaftet und in die Psychiatrie verfrachtet. Auf der ganzen Welt wird über den verrückten Franzosen berichtet und New York erhält mit dem World Trade Center sehr viel Aufmerksamkeit. Dies ist auch der Grund, warum alle Anklagepunkte gegen Philippe Petit fallen gelassen werden. Kurze Zeit später bekommt er sogar eine Dauerkarte für die Aussichtsplattform des World Trade Centers geschenkt. Auch weil er mithilft, das Sicherheitskonzept gegen unerwünschte Eindringlinge zu verbessern. So wie er es jahrelang praktiziert hat.

Philippe Petit schlägt einen Weg ein, den sich viele Menschen nicht trauen zu gehen. Er hört auf sein Herz und folgt beharrlich seinen Träumen. Trotz Widerstände erreicht er sein wahres Lebensglück und spürt die Tiefe Zufriedenheit seiner Seele, die durch nichts zu ersetzen ist.

Philippe Petit: „Ich habe mein ganzes Leben lang gefühlt, dass dieses Leben kurz ist und dass du deshalb nur in die Dinge eintauchen solltest, die bedeutungsvoll sind. Du solltest keine Zeit vergeuden mit etwas, das nicht schön, nicht bereichernd, nicht neuartig ist“


Einzelnachweise (abgerufen am 05.02.2018):
1. stern.de – Er balancierte zwischen dem World Trade Center

2. spiegel.de – Bankraub im Himmel

3. wikipedia.org – Philippe Petit

Den Film zu der wahren Geschichte findest du hier: