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Als Erika Schinegger am 19. Juni 1948 in Kärnten (Österreich) das Licht der Welt erblickt, ahnt noch niemand ihren außergewöhnlichen Lebensweg, den sie einmal bestreiten muss. Ihr Schicksal wird vorherbestimmt in jungen Jahren, als die Ärzte einen folgenschweren Fehler machen: Sie übersehen, dass beim Mädchen männliche Geschlechtsmerkmale vorhanden sind, die nach innen gewachsen sind. Erika Schinegger kommt eigentlich als Junge zur Welt, wird aber als Mädchen deklariert und so auch erzogen. Es folgt ein Leben voller Missverständnisse und Entbehrungen.

Sehnsuchtsvoll blickt Erika zu den Buben, die Männerarbeiten verrichten und auch mal den Traktor fahren dürfen. Sie selbst muss abwaschen, stricken oder putzen, ist gefangen als Junge in der weiblichen Welt. Ihre Kindheit ist geprägt von Traurigkeit, in der Volksschule wird Erika gemobbt und von anderen Schülern ausgegrenzt. Denn auch die Mädchen spüren instinktiv, was die Erwachsenen nicht wahrhaben wollen: Erika ist eigentlich ein Junge.

Erik Schinegger: “Ich dachte, ich gehöre gar nirgends dazu. Das war schlimm”

In ihrer Pubertät bleibt die Menstruation aus und Erika hält sich für lesbisch, weil sie sich zu Mädchen hingezogen fühlt. Sie versteht nicht, warum ihr keine Brüste wachsen und hat auch sonst keine weiblichen Züge an sich. Irritiert vom Leben flüchtet das Mädchen in den Sport. Dick eingehüllt im Skigewand fühlt sie sich wohl und erfährt im Skifahren ihre Bestimmung. Diese Flucht in den Skisport findet in Chile ihren Höhepunkt, als die 18-jährige Erika sensationell die Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft im Abfahrtslauf gewinnt.

Erik Schinegger: “Im Skigewand war ich glücklich. Aber in Privatkleidung war ich traurig”

Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sich Erika glücklich und angekommen in einer sonst für sie so grausamen Welt. In ihrer Heimat wird sie enthusiastisch gefeiert und in den Himmel gehoben. Plötzlich hat sie nicht nur viele Freunde, sondern ist für den österreichischen Skiverband auch der neue Star. Die Presse feiert sie und alle Zeitungen sind voll von der frischen und unbekümmerten Weltmeisterin. Doch die heile Fassade fängt bald zu bröckeln an, als bei einer Speicheluntersuchung festgestellt wird, dass Erika eigentlich ein Mann ist.

Der Skiverband reagiert sofort und entlässt sie als Skifahrerin. Mehr noch: Um einen Skandal zu vermeiden, darf sie mit niemandem darüber sprechen. Erika Schinegger ist am Boden zerstört. Eine ganze Welt ist für sie zusammengebrochen, als man ihr das Skifahren untersagt. Zusätzlich wird sie unter Druck gesetzt, eine spezielle Hormonkur zu machen, dir ihr ein Leben als gebärunfähige Frau ermöglicht hätte. Doch Erika fühlt anders und trifft eine mutige Entscheidung. Wenngleich sie mit Gedanken spielt, sich ihr trostloses Leben zu nehmen, geht sie nicht den einfachen Weg, sondern folgt ihrem Herzen. Obwohl ihre Familie und der Skiverband versuchen, ihr diese Entscheidung auszureden.

Erik Schinegger: “Ich hatte Weinkrämpfe und Wutausbrüche, weil ich gesehen habe: Ich bin alleine. Wer hilft mir denn jetzt? Ich war damals gerade einmal 19 Jahre alt”

Erika Schinegger lässt sich zum Mann umoperieren. Es folgt ein sechsmonatiger Spitalsaufenthalt mit schlimmen Qualen. Doch die äußerliche Tortur ist nicht so schlimm wie die seelischen Schmerzen. Kein einziger Besuch. Alle haben sie wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Traurig wird ihr bewusst, dass die sogenannten Freunde keine wirklichen Freunde sind. Nur ihre Mutter und eine Freundin kommen sie einmal besuchen. Sonst nichts. Keine Skifahrerkollegen, keine Funktionäre vom Skiverband, niemand. Und dass in der schlimmsten Zeit ihres Lebens.

Erik Schinegger: “Die einsamste Zeit meines Lebens, das hat irrsinnig wehgetan. Alle haben mich fallen gelassen”

Aus dem Spital entlassen, wird es für den männlichen Erik nicht leichter. Menschen drehen sich weg und zeigen mit dem Finger auf ihn. Der Bürgermeister will nichts mehr von ihm wissen und entzieht ihm einen Gemeindegrund, den man Erika seinerzeit geschenkt hat. Es handelt sich um die gleichen Leute, die ihm noch vor kurzem zugejubelt haben. Erik Schinegger gibt nicht auf. Er will sich nochmals als Skifahrer beweisen, diesmal bei den Männern. Und er ist schnell, so schnell, dass der Skiverband ihm nochmals unüberwindbare Steine in den Weg legt. Trotz Bestzeiten im Training werden diese offiziell verschwiegen, er erhält Trainingsverbote und muss bei Rennen immer in der letzten Startgruppe starten, wo die Pisten fast nicht mehr zu fahren sind. Als der Druck gegen ihn immer größer wird, muss Erik Schinegger unter Tränen seine kurze Karriere beenden.

Erik Schinegger lässt sich seine Lebenslust nicht nehmen und wird Unternehmer. Er findet privat sein wahres Lebensglück, heiratet, wird Vater einer Tochter und gründet eine Kinderskischule. Obwohl er es im Leben nicht leicht hatte, übermittelt er der Welt eine wichtige Botschaft: Glaube an dich selbst! Gehe deinen Weg und vertraue deinen Gefühlen! Egal was andere Menschen über dich denken, wichtig ist nur was dich und deine Seele glücklich macht!

Die Geschichte von Erik Schinegger lehrt uns Toleranz und Mut. Mut zu sich selbst zu stehen und Toleranz, Menschen so zu akzeptieren wie sie sind!

Erik Schinegger: “Jeder muss selber glücklich sein, er braucht nicht für die anderen glücklich sein”


Einzelnachweise (abgerufen am 27.02.2018):
1. www.wienerzeitung.at – Wie aus Erika Erik wurde
2. www.krone.at – Schinegger: „Konnte zeigen: Schaut her, ich lebe!“
3. www.news.at – „Ich, die zertifizierte Frau“
4. wikipedia.org – Erik Schinegger

Das Buch zu der unfassbaren Geschichte findest du hier: