Dänemark 1992 -– Der Fußball-Europameister der Herzen

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Die Fußball-Europameisterschaft vom 10. bis 26. Juni 1992 wurde in Schweden ausgetragen. Eindeutiger Turnierfavorit war die deutsche Nationalmannschaft, welche zwei Jahre zuvor die Weltmeisterschaft gewonnen hatte. Ebenfalls zu den Favoriten zählten neben Frankreich auch die Niederlande. Kurz vor Beginn dieser Europameisterschaft wurde Jugoslawien jedoch aufgrund des Balkankonfliktes und des Bürgerkrieges ausgeschlossen, und so musste spontan Dänemark einspringen, die eigentlich in der Qualifikation bereits ausgeschieden waren. Sofort herrschte Hektik beim Fußballverband in Dänemark, denn bis zum Turnier waren es gerade einmal noch zehn Tage.

Der Trainer, Richard Möller-Nielsen, der in seinem Haus gerade eine neue Küche einbauen wollte, trommelte mit zahlreichen Anrufen so schnell es ging seine Spieler zusammen, aber dies war gar nicht so einfach. Viele von ihnen befanden sich schon in der Sommerpause oder waren im Urlaub. Eine Vorbereitung auf ein so wichtiges Fußballturnier fand überhaupt nicht mehr statt, es war nur mehr Zeit für ein paar Trainingseinheiten. Von den Journalisten wurden die Dänen aus diesem Grund nur als „EM-Touristen“ verspottet, in den vergangenen Jahren waren sie ebenfalls nicht erfolgreich gewesen. Bei der letzten Europameisterschaft 1988 verlor Dänemark alle Spiele bereits in der Vorrunde, für die Weltmeisterschaft 1990 in Italien konnte man sich überhaupt nicht qualifizieren.

Trainer Richard Möller-Nielsen: „“Ich wollte eine neue Küche einbauen, aber dann mussten wir in Schweden spielen““

So ging man mit wenig Druck in das Turnier, man wollte sich nur nicht blamieren. Im ersten Spiel gegen England erreichte man ein torloses Unentschieden, was von den dänischen Spielern bereits als großer Erfolg gewertet wurde, da man davon ausging, eigentlich jedes Spiel zu verlieren. Danach folgte eine knappe Niederlage gegen Schweden, nun spielte man gegen den haushohen Favoriten aus Frankreich um den direkten Einzug ins Halbfinale. Die französische Mannschaft war vollbesetzt mit internationalen Stars wie Éric Cantona, Didier Deschamps oder Laurent Blanc, die dänische Nationalmannschaft hatten hingegen nur ihren Kampfgeist entgegenzusetzen. Die Dänen rannten und kämpften wie die Löwen, und die Überraschung gelang tatsächlich. Dänemark verblüffte alle Experten, als sie die favorisierten Franzosen mit einem 2:1 aus dem Turnier warfen.

Spieler John Jensen: „„Wir standen überhaupt nicht unter Druck. Wir waren ganz entspannt, sind rausgegangen und haben gespielt““

Die Mannschaft von Dänemark war eine eingespielte Einheit, da sich viele Spieler bereits aus der Jugendzeit kannten, und mit dem Aufstieg ins Halbfinale kam auch noch Selbstbewusstsein dazu. Sie wussten, dass sie zwar nicht die weltbesten Spieler in ihren Reihen hatten, dies aber durch Kampf und unbändigen Willen wieder wettmachen konnten. Während die anderen Mannschaften verbissen ihre Taktik trainierten und sich streng an Trainingspläne hielten, ging es bei den Dänen generell unbeschwerter zu. In den Trainingspausen machten sie Ausflüge und gingen auch einmal in ein McDonald`s Restaurant, der Trainer verstand es perfekt, die Stimmung in der Mannschaft zu verbessern. Und diese Lockerheit sollte sich im nächsten Spiel bezahlt machen, denn in einem wahren Krimi besiegte man im Halbfinale sensationell die Niederlande im Elfmeterschießen. Stars wie Frank Rijkaard, Ruud Gullit oder Marco van Basten konnten es kaum fassen, sie waren gerade gegen eine unbedeutende dänische Nationalmannschaft ausgeschieden, die aufopferungsvoll für ihren Sieg gekämpft hatte.

Spieler Flemming Povlsen: „„Unser großer Vorteil war, dass wir uns sehr gut kannten. Was wir damals neben dem Platz gemacht haben, hat uns viel Kraft gebracht. Wir waren an der Küste, in Kopenhagen, beim Minigolf. Wir waren wie kleine Jungs, die man nur bei Laune halten musste““

Im Finale bekamen es die Außenseiter aus Dänemark nun aber mit dem Turnierfavoriten aus Deutschland zu tun. Für die Medien stand der Turniersieger bereits fest, es ging nur noch um die Höhe des Sieges. Stars wie Andreas Brehme, Stefan Effenberg oder Jürgen Klinsmann sollten Garant dafür sein, dass Deutschland Europameister werden sollte. Die Deutschen rückten mit einem riesigen Trainerstab, mehreren Masseuren und zwei Medizinprofessoren an. Jeder Spieler musste sich an einen speziellen Ernährungsplan halten, es wurde nichts dem Zufall überlassen. So diszipliniert die deutsche Nationalmannschaft war, so inspirierend und unbeschwert trat die dänische Nationalmannschaft auf. Sie hatten nichts zu verlieren, und mit ihrer Lockerheit und ihrer Leidenschaft spielten die Dänen ein Finale, welches bis heute unvergessen blieb.

Spieler John Jensen: „„Es war extrem schwer, gegen uns zu spielen, weil wir eine so starke Einheit waren““

Dänemark kämpfte mit einer gigantischen Laufbereitschaft und einer unfassbaren Einsatzbereitschaft gegen die Übermacht aus Deutschland, die mit einer solchen Gegenwehr nicht gerechnet hatten. Die Deutschen hatten trotz der zahlreichen Stars in den eigenen Reihen keine Chance gegen diesen sagenhaften Siegeswillen, Dänemark gewann dieses denkwürdige Finale mit 2:0.

Die Sensation war tatsächlich perfekt. Eine Mannschaft, die nur als Ersatzteam für die disqualifizierte jugoslawische Mannschaft nachrückte, zeigte allen sogenannten Favoriten ihre Grenzen auf. Dänemark hatte nicht die besten Spieler in ihren Reihen und sie konnten sich auch nicht speziell auf dieses Turnier vorbereiten. Sie waren aber die mit Abstand willensstärkste Mannschaft und spielten mit einer Leidenschaft, die keine andere Mannschaft auch nur annähernd zeigen konnte. Und dies waren die wichtigsten Merkmale einer dänischen Mannschaft, die ihren Urlaub abbrechen mussten, um sich kurzfristig auf den Weg zu machen, den ersten Europameistertitel überhaupt für ihr Land zu erringen.

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