Temple Grandin -– Eine Autistin entdeckt die Sprache der Tiere

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Temple Grandin wurde am 29. August 1947 in Boston (USA) geboren und zeigte bereits als Kind unbeherrschte Verhaltensauffälligkeiten. Da sie bis zum Alter von vier Jahren auch nicht sprechen konnte, hielten sie die Ärzte für hirngeschädigt und rieten den Eltern, sie in ein Heim abzugeben. Während der Vater seine Tochter gleich fortgeschickt hätte, war es die Mutter, welche um Temple Grandin kämpfte. Sie hielt zu ihrer Tochter, da sie gelegentlich bemerkt hatte, dass ihr Kind trotz ihrer Behinderung Intelligenz und Klugheit zeigte. Temple Grandin litt an Autismus, einer schwerwiegenden Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung im Gehirn.

Temple Grandin: „„Die Diagnose Autismus kannten damals die wenigsten Ärzte. Sie hielten mich für hirngeschädigt““

Temple Grandin wurde nun von einem Kindermädchen und einem Sprachtherapeuten betreut, und das kleine Mädchen machte dadurch bedeutende Fortschritte. Da Temple Grandin aufgrund ihrer Behinderung nur visuell und in Bildern denken konnte, musste sie ihren Wortschatz wie eine Fremdsprache neu erlernen. Mühsam eignete sie sich so eine Sprachfähigkeit an und schaffte es dadurch, auf die Schule gehen zu können. Aber in der Schule wurde sie durch ihre Panikattacken sofort zur Außenseiterin. Temple Grandin wurde sozial ausgegrenzt und von den anderen Schülern verspottet. Trotz aller Unannehmlichkeiten kämpfte sie weiter und schaffte erfolgreich ihren Schulabschluss. Doch eines Tages kam es zu einem Schlüsselerlebnis in ihrem Leben, als sie Rinder auf einer Ranch beobachtete.

Temple Grandin: „„Die anderen Kinder haben mich gehänselt, weil ich immer alles wiederholte. Ich übersetze alles, was ich höre und lese, in Bilder und in Farbfilme mit Ton““

Während einer großen Impfaktion wurden die Rinder in eine Pressmaschine verfrachtet, damit sie sich nicht bewegen konnten. Temple Grandin wunderte sich über das Verhalten der Tiere, denn sie reagierten alles andere als panisch sondern blieben vollkommen ruhig. Die Rinder fühlten sich in dieser Vorrichtung einfach geborgen und zeigten überhaupt keine Angst. Temple Grandin, welche es durch ihren Autismus nicht ertrug, wenn jemand sie berührte, sehnte sich ebenfalls nach einer „Umarmung“ und hatte eine ungewöhnliche Idee. Sie baute sich nun in gleicher Weise eine „Berührungsmaschine“ nach und es funktionierte tatsächlich. Durch den äußeren Druck schaffte sie es sich zu entspannen und ihre Wut- und Panikattacken weitgehend zu kontrollieren.

Temple Grandin: „„Ich wurde viel ruhiger. Ich war süchtig nach diesem Gefühl““

Durch diese Erfahrung entwickelte Temple Grandin eine besondere Bindung zu den Tieren. Sie glaubte daran, dass die oft panischen Reaktionen der Rinder darin begründet waren, dass die Tiere ebenfalls in Bildern dachten, genauso wie sie als Autistin. Temple Grandin begann nun zu studieren und Viehzüchter und Viehschlachtereien zu erforschen, wo sie zu einem unglaublichen Ergebnis kam. Sie bemerkte, dass Rinder auf viele Dinge unbeherrscht reagierten, welche man als Mensch gar nicht wahrnahm. Egal ob dies glänzende Ketten, Schatten und dunkle Stellen oder einfach nur eine Jacke war, welche über einem Zaun hing. Durch ihre außergewöhnliche Auffassungsgabe entwickelte Temple Grandin neue Systeme, um den Tieren ein besseres Leben ermöglichen zu können. Neue Anlagen für die Viehhaltung wurden nun so umgestaltet, dass sich das Verhalten der Tiere tatsächlich zum Positiven veränderte. Infolgedessen gingen auch die Unfälle zwischen Menschen und Tieren drastisch zurück, was statistisch belegt wurde.

Temple Grandin: „„Wir müssen den Tieren ein anständiges Leben bieten. In meinen Anlagen gibt es keine Angst, keine Panik““

Temple Grandin wurde zur Pionierin in der Erforschung und Entwicklung von modernen Tierhaltungsanlagen. Sie kämpfte erfolgreich gegen Tierärzte und Forscher an, welche nicht daran glaubten, dass die Tiere Gefühle entwickeln konnten. Aber durch ihre neuen Erkenntnisse überzeugte sie auch die größten Kritiker, dass Tiere die gleichen Grundemotionen wie die Menschen hatten, wie zum Beispiel Wut oder Angst. Temple Grandin machte ihre Behinderung und ihren größten Schwachpunkt zu ihrem mächtigsten Vorteil und konnte dadurch die Welt so sehen, wie Tiere dies auch taten. Durch ihre besondere Gabe revolutionierte sie die gesamte Tierhaltung und wurde zudem vom „Time Magazine“ zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt.

Temple Grandin: „„Autismus ist das, was mich ausmacht. Es macht mir enorm viel Spaß, Probleme zu lösen, ich habe meinen Platz gefunden““

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