Gérald Métroz – Zu einer großen Lebenslust braucht man keine Beine

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Gérald Métroz wurde am 16. Mai 1962 im kleinen Dorf Sembrancher (Schweiz) geboren. Im Alter von zwei Jahren hielt er sich in der Nähe des Bahnhofes auf, als aus der Ferne ein Regionalzug zu hören war. Das kleine Kind unterschätzte die drohende Gefahr und spielte unbekümmert weiter, als das Schicksal unbarmherzig zuschlug. Gérald Métroz schlitterte unter den anfahrenden Zug, welcher ihm sofort beide Beine fast auf Hüfthöhe abtrennte. Innerhalb kürzester Zeit wäre das Kind nun verblutet, jedoch klemmten die Räder des Zuges die Arterien ab und verhinderten so den sicheren Tod. Wie durch ein Wunder überlebte Gérald Métroz diesen schrecklichen Unfall, aber seine Beine waren für immer verloren.

 
Als Gérald Métroz nach einer schweren Operation im Krankenhaus wieder erwachte, musste er mit der Tatsache fertig werden, nun ohne Beine auszukommen. Er hatte aber eine große Willensstärke und versuchte bereits kurze Zeit später unter großen Schmerzen, mit einfachen Holzprothesen wieder zu gehen. Gérald Métroz hatte nur ein wichtiges Ziel, so zu sein wie alle anderen Kinder und nicht ausgegrenzt zu werden. Seine große Leidenschaft fand er ausgerechnet im Sport, wo er sich bestens bewährte. Im Alter von zehn Jahren spielte er Eishockey, mit seinen Prothesen war er wagemutig als Torhüter auf dem rutschigen Eis im Einsatz. Aber besonders im Rollstuhlbasketball war Gérald Métroz sehr erfolgreich, durch unermüdlichen Einsatz schaffte er es hier bis in die Schweizer Nationalmannschaft.

Obwohl der Alltag oft mühsam zu bewältigen war, schaffte es Gérald Métroz, sich trotz seiner Behinderung sehr gut im Leben zurechtzufinden. Im Alter von 25 Jahren übersiedelte er für einige Zeit nach Kanada und erlangte dort ein immer größeres Selbstvertrauen. So fällte er die Entscheidung, auf die schmerzvollen und unbequemen Prothesen zu verzichten, welche er nur aus Rücksicht auf die anderen Menschen trug, um sie wegen seiner fehlenden Beine nicht zu verunsichern. Im Rollstuhltennis stellte sich Gérald Métroz einer neuen Herausforderung, mit einem großen Trainingsaufwand und einer ungeheuren Entschlossenheit wurde er viermal Schweizer Meister und nahm 1996 sogar an den Paralympics in Atlanta (USA) teil.

Gérald Métroz: „Man darf nicht resignieren. Mein Körper ist nicht hässlich, er ist nur individuell“

Neben seiner Karriere als Sportler war Gérald Métroz auch als Sportmanager sehr erfolgreich. Er gründete seine eigene Firma, wo professionelle Eishockeyspieler betreut und aufgebaut wurden und fing an, Bücher über sein Leben zu schreiben. Bei Präsentationen und Konferenzen berichtete Gérald Métroz überall auf der Welt über seine Erfahrungen, sich trotz der Behinderung im Leben durchzusetzen und seinen eigenen Weg zu gehen.

Gérald Métroz verlor bereits als Kind durch einen tragischen Schicksalsschlag seine beiden Beine. Doch er lernte seine Behinderung zu akzeptieren und absolvierte eine große Karriere als Sportler. Er gründete eine eigene Firma und schlug dadurch einen selbstständigen und sehr erfolgreichen Weg ein. Gérald Métroz entwickelte eine außergewöhnliche Lebensfreude und zeigte den Menschen, dass man mit Begeisterung und Willensstärke alles im Leben erreichen kann.

Gérald Métroz: „Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen. Das Leben hat mir vieles geschenkt, Freundschaften, Liebe und Erfolg im Geschäft. Ich bin glücklich“

Natalie Simanowski –- Das Attentat und der ungebrochene Lebenswille

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Natalie Simanowski wurde am 20. Juli 1978 in der Stadt Lingen (Deutschland) geboren und war eine leidenschaftliche Sportlerin. Trotz einiger Rückschläge trainierte sie sehr hart und konnte dadurch einige bedeutende Erfolge als Läuferin in der Leichtathletikszene erzielen. Das Leben als Leistungssportlerin sollte jedoch schlagartig ein bitteres Ende nehmen. Als sich Natalie Simanowski am 25. Juni 2003 auf dem Weg zu ihrem Auto befand, merkte sie nicht, dass sie bereits von einem Fremden beobachtet wurde.

An diesem Tag wollte die 24-jährige Frau Unterlagen zu ihrem Auto bringen, als sich plötzlich ein Psychopath von hinten an sie anschlich und ihr grundlos ein Messer in den Rücken rammte. Die schwerverletzte Natalie Simanowski kam sofort ins Krankenhaus und hatte Glück, bei diesem Attentat nicht getötet worden zu sein. Denn als die Polizei den psychisch kranken Mann aufspürte, erfuhr man, dass er Stimmen hörte, irgendeine Frau umbringen zu müssen. Natalie Simanowski war nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, und dies hatte folgenschwere Auswirkungen auf ihr restliches Leben.

Natalie Simanowski: „„Meine Beine sackten weg. Ich wusste sofort, dass es etwas Schlimmes ist““

Die Diagnose war niederschmetternd, denn Natalie Simanowski litt an einer inkompletten Querschnittlähmung, von nun an war sie ab dem elften Brustwirbel teilweise gelähmt. Die psychische Belastung für Natalie Simanowski war enorm, denn vor wenigen Stunden war sie noch eine hoffnungsvolle Leichtathletin gewesen, nun war sie auf dem besten Weg zu einem Pflegefall zu werden. Sie lag mit Windeln im Bett, war auf fremde Hilfe angewiesen und hatte eine starke Gefühls- und Bewegungseinschränkung zu verkraften. Doch eines war ihr auch bewusst, denn sie hätte jetzt genauso gut auch tot sein können. Mit diesen Gedanken schätzte sie das Leben nun viel mehr und begann sich in eine anstrengende Reha zu stürzen.

Natalie Simanowski: „„Die ersten Wochen im Krankenhaus waren fürchterlich““

Durch monatelange Klinik- und Therapieaufenthalte konnte sie ihren Heilungsprozess unter den gegebenen Umständen schnell beschleunigen. Trotz vieler schwerer Stunden gab Natalie Simanowski nie auf und arbeitete entschlossen, um ihren Körper wieder in Form zu bringen. Sie schaffte es, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Da sie durch ihr Handicap an den Beinen größtenteils auf den Rollstuhl angewiesen war, beschloss sie, sich auf den Radsport zu konzentrieren. Mit einer großen Kraftanstrengung und einer speziellen Carbonschiene gelang es ihr, auf ein Rennrad umzusteigen. Ihrer großen Willensstärke war es zu verdanken, dass sie nicht nur vom Deutschen Behindertensportverband in den Förderkader aufgenommen wurde, sondern auch zu einer der besten behinderten Radsportlerin Deutschlands aufzusteigen. Sie wurde nicht nur Rad-Weltmeisterin, sondern holte auch schon Medaillen bei den Olympischen Spielen für behinderte Menschen.

Durch die schwere Messerattacke wurden zwar Körperteile von Natalie Simanowski gelähmt, aber ihr Lebenswille blieb davon unberührt. Während andere Menschen durch diese Verletzung aufgegeben hätten, sah es Natalie Simanowski als Startschuss für einen neuen Lebensabschnitt. Mit unbeugsamer Hoffnung arbeitete sie sich Schritt für Schritt voran und schaffte es, ihre neuen Träume und Ziele zu verwirklichen. Dank ihrer positiven Lebenseinstellung wurde sie zum Vorbild für andere Behinderte, dass man jederzeit einen Neuanfang im Leben starten konnte.

Natalie Simanowski: „„Kämpfen lohnt sich immer““

Ines Kiefer -– Ein Leben im Rollstuhl als neue Chance

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Im Alter von 19 Jahren genoss Ines Kiefer das Leben in vollen Zügen. Sie liebte es zu tanzen oder ausgiebige Spaziergänge mit dem Hund zu unternehmen. Sie träumte auch davon, vielleicht eines Tages als Model arbeiten zu können. Eines Tages wurde bei einem Arztbesuch zwischen ihren Rippen zufällig ein Gewächs entdeckt, und man entschloss sich, dieses operativ zu entfernen. Es war eine relativ harmlose Operation, welche die Ärzte bei der jungen Frau durchzuführen hatten. Als die Mediziner Ines Kiefer die Narkose verabreichten, waren sie noch voller Zuversicht.

Die Operation verlief jedoch nicht nach Plan. Nach einer Kernspintomographie stellten die Ärzte zudem innere Blutungen fest. Es begann nun ein Wettlauf gegen die Zeit, denn man musste diese Blutungen sofort stoppen, oder Ines Kiefer würde sterben. In einer Notoperation schafften es die Mediziner, das Leben der jungen Frau zu retten. Als Ines Kiefer aus der Narkose erwachte, fiel ihr jedoch auf, dass sie ihre Beine nicht mehr spürte. Die Ärzte mussten ihr mitteilen, dass das Blut auf das Rückenmark gedrückt hatte und sie jetzt für immer querschnittsgelähmt bleiben würde. Auf die Frage, wie so etwas passieren konnte, gab es keine aufklärende Antwort vom Krankenhaus. Für Ines Kiefer würde dies auch nichts mehr ändern, denn sie musste nun mit diesem schweren Schicksalsschlag irgendwie fertig werden.

In der Rehaklinik erkannte Ines Kiefer, dass es andere Patienten gab, welche noch viel schlimmer von einer Lähmung betroffen waren als sie. Von nun an beschloss sie zu kämpfen und sich von ihrer Behinderung nicht unterkriegen zu lassen. Sie eignete sich an, mit dem Rollstuhl zu fahren und enge Passagen zu meistern. Ines Kiefer musste auch lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen, denn nun war sie oft auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen. Wenn keine Aufzüge oder Rampen vorhanden waren, hatte sie keine Chance, in ein Gebäude zu kommen, da es nicht barrierefrei gebaut wurde. Außerdem waren zugeparkte Behindertenparkplätze Alltag, obwohl sie diese Parkplätze dringend benötigte. Aber Ines Kiefer kämpfte weiter und lernte die Veränderungen in ihrem Leben zu akzeptieren, auch wenn nicht alles leicht umzusetzen war.

Ines Kiefer: „„Mit der richtigen Einstellung machen viele Herausforderungen erst recht große Freude““

Ines Kiefer eroberte sich mit ihrer positiven Denkweise Stück für Stück von ihrem früheren Leben wieder zurück. Sie gründete eine Familie, bekam zwei Kinder und begann auch in einem Bürojob zu arbeiten. Trotz des Rollstuhles brachte sie als berufstätige Mutter das Familienleben bestens unter Kontrolle und setzte sich immer wieder neue Ziele. Eines Tages entdeckte sie zufällig eine Anzeige im Internet, wo Frauen im Rollstuhl für einen Modelwettbewerb gesucht wurden. Ines Kiefer dachte an ihren früheren Traum zurück, einmal als Model tätig zu sein und bewarb sich spontan für diese Veranstaltung.

Ines Kiefer: „„Ich hatte richtig Lust, mein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen““

Ines Kiefer gewann überraschend unter mehr als 200 Kandidatinnen ein Fotoshooting für ein großes Kosmetikunternehmen. Sie war sehr glücklich über diesen Preis und begann nun, das Modeln als neues Hobby auszuüben. Die Modelaufträge erfüllten Ines Kiefer mit Stolz und sie waren eine perfekte Abwechslung zu ihrem Alltagsleben. Während sie sich vermutlich ohne ihre Behinderung niemals als echtes Model engagiert hätte, gelang ihr nun mit dem Rollstuhl der ganz große Durchbruch.

Ines Kiefer schaffte es, ihren plötzlichen Schicksalsschlag erfolgreich zu meistern. Sie ließ sich trotz ihrer Behinderung niemals unterkriegen und suchte sich ständig neue Herausforderungen. Durch den Rollstuhl blieben ihr zwar einige Möglichkeiten verwehrt, gleichzeitig öffneten sich ihr aber andere Türen. Mit ihrer bemerkenswerten Lebensfreude verstand sie es, diese neuen Chancen zu ergreifen und ihre Träume und Ziele in die Tat umzusetzen. Ines Kiefer wurde dadurch zum Vorbild für viele behinderte Menschen auf der ganzen Welt.

Ines Kiefer: „„Rollstuhlfahrer sind Menschen mit ganz normalen Wünschen und Bedürfnissen. Und so möchten wir auch behandelt werden““

Daniel Kish -– Ein blinder Mann sieht durch die Echoortung

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Daniel Kish wurde in der Stadt Montebello (Kalifornien, USA) geboren und verlor schon nach wenigen Monaten durch einen Tumor sein Augenlicht. Seine Eltern behandelten ihn aber weiter wie ein normales Kind und gewährten Daniel Kish viele Freiheiten. So war er oft mit seinen Freunden unterwegs oder vielmals auch alleine, ohne irgendwelche Hilfe. Bereits als kleiner Junge entwickelte Daniel Kish eine besondere Eigenart, um sich gefahrlos fortzubewegen. Er begann mit der Zunge zu schnalzen, um Dinge in seiner Umgebung mittels Rückschall wahrzunehmen. So schaffte er es auch, geeignete Bäume zu finden, wo er mit Begeisterung hochkletterte und den Ästen und den Vögeln lauschen konnte.

Daniel Kish: „„Wenn ich schnalzte, konnte ich die Dinge ringsum hören““

Daniel Kish fing an, diese ungewöhnliche Technik weiter zu verfeinern. Jedes Mal, wenn er mit der Zunge schnalzte, gaben ihm die Dinge ein Echo zurück, so als könnte er kurzfristig seine Umgebung mit schwachen Lichtblitzen ausleuchten. Daniel Kish war zwar ohne Augenlicht, aber statt der Augen übernahmen jetzt die Ohren diese Funktion. Die Menschen konnten es kaum fassen, als sie den blinden Daniel Kish tatsächlich auf einem Fahrrad erblickten. Aber ihre Bedenken wurden bald zerstreut, denn es passierten keine gröberen Unfälle. Daniel Kish erkannte durch seine Schnalzgeräusche problemlos alle Hindernisse wie parkende Autos, Hydranten oder Straßenlaternen und kurvte wie selbstverständlich durch die Nebenstraßen seiner Nachbarschaft. Während viele blinde Kinder sich unter dem Schutz ihrer Eltern zurückzogen, ging Daniel Kish genau den entgegengesetzten Weg und wollte sich durch seine Behinderung nicht unterkriegen lassen.

 
Als blinder Student begann Daniel Kish, die Möglichkeiten der Echoortung genauer zu studieren. Während viele Wissenschaftler an seinen Forschungen zweifelten, glaubte Daniel Kish immer an sein Projekt. In zahlreichen Experimenten konnte er das Unfassbare tatsächlich dokumentieren. Blinde Versuchspersonen schafften es zu unterscheiden, ob sich Dreiecke, Kreise oder Quadrate vor ihnen befanden. Durch geringfügige Verzögerungen, bis der Schall als Echo wieder zurückkehrte, konnte man sehr genau die Entfernung zu den Dingen bestimmen. Kleinere Objekte hatten andere Frequenzbereiche als größere Gegenstände und man konnte teilweise sogar das Material bestimmen. Diese Methode des Zungen-Klick-Schalls und des zurückfallenden Echos orientierte sich an den Fledermäusen. Fledermäuse können im Dunkeln auf Insektenjagd gehen, ohne die Augen einzusetzen. Sie stoßen einfach Ultraschallwellen aus, welche von Objekten als Reflexion wieder zurückgeworfen werden, somit ist eine optimale Orientierung möglich.

Daniel Kish: „„Es geht nicht darum, etwas zu beweisen, sondern um Freiheit. Wir wollen nicht anders behandelt werden als der Rest der Welt““

Daniel Kish schloss sein Studium erfolgreich ab und wurde zum ersten sehbehinderten Mobilitätstrainer der USA. Er begann, blinden Menschen die Echoortung beizubringen und Vorträge zu halten, um seine Erfahrungen der Öffentlichkeit vorzustellen. Immer wieder musste er sich gegen zweifelnde Eltern durchsetzen, welche ihr Kind nicht irgendeiner Gefahr aussetzen wollten. Aber Daniel Kish setzte sich mit seiner eigenwilligen Technik durch, er ließ seine Schüler auf Bäume klettern, organisierte verschiedenste Ballspiele und unternahm packende Fahrradtouren.

Daniel Kish: „“Gegen einen Pfosten zu rennen ist unangenehm, aber nie in einen Pfosten rennen zu dürfen ist eine Katastrophe““

Im Jahr 2000 gründete Daniel Kish die gemeinnützige Organisation „World Access For The Blind“ um der ganzen Welt zu beweisen, dass Blinde sehr viel mehr aus ihrem Leben machen konnten als angenommen. Durch diese Initiative wurden bereits tausende blinde Menschen in der Echoortung geschult und zu einer neuen und unvorstellbaren Freiheit geführt.

Daniel Kish ging immer mutig seinen Weg und befreite im Alleingang viele blinde Menschen aus ihrer Isolation. Im Jahr 2009 wurde er vom US-Magazin „Utne Reader“ unter die 50 besten Visionäre gewählt, welche die Welt veränderten.

Daniel Kish: „„Was wir tun, erfordert keine besondere Gabe. Am wichtigsten ist, dass man Selbstvertrauen gewinnt und hinausgeht in die Welt““

Maickel Melamed -– Ein Held im Sport trotz Muskelschwäche

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Maickel Melamed wurde am 27. April 1975 in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela, geboren. Bei seiner Geburt kam es zu Komplikationen, da sich die Nabelschnur um seinen kleinen Hals wickelte. Die Ärzte retteten das Leben des Babys, welches aber aus diesem Grund motorisch schwer geschädigt wurde. Den geschockten Eltern wurde auch mitgeteilt, dass Maickel Melamed nur mehr eine Woche zu leben hätte. Die Ärzte sollten sich aber irren, denn Maickel Melamed hatte ein großes Kämpferherz und machte in den nächsten Tagen große Fortschritte, womit er dem Tod gerade noch entrinnen konnte. Die Familie kümmerte sich mit voller Hingabe um das Kind, jedoch litt Maickel Melamed an einer Muskelhypotonie, einer zu geringen Muskelspannung und einer sehr schwachen Muskulatur.

Maickel Melamed entwickelte sich trotz seiner schmächtigen Muskeln prächtig, da er geistig voll auf der Höhe war. Er schaffte nicht nur seinen Schulabschluss, sondern begann auch sehr erfolgreich an der Universität zu studieren. Beruflich lief es für Maickel Melamed sehr gut, aber durch seine Behinderung mit der Muskelschwäche hatte er gravierende Nachteile im Sport. Er wollte sich damit aber nicht abfinden und begann, verschiedenste Sportarten auszuprobieren. Ob Fallschirmspringen, Gleitschirmfliegen oder Tauchen, Maickel Melamed hatte überall sehr viel Spaß dabei. Mit einer unglaublichen Kraftanstrengung schaffte er es sogar, den Pico Bolívar, den höchsten Berg Venezuelas, zu besteigen. Aber für sein nächstes Ziel hielt ihn sogar sein persönlicher Fitnesstrainer für verrückt.

Maickel Melamed: „„Wenn du es träumst, kannst du es möglich machen““

Maickel Melamed wollte tatsächlich einen ganzen Marathon (42,195 Kilometer) bewältigen und begann, entschlossen dafür zu trainieren. Da seine Muskeln nicht richtig entwickelt waren und seine Muskelmasse begrenzt war, musste er ein spezielles Krafttraining hinter sich bringen. Maickel Melamed trainierte bis zu 50 Stunden in der Woche, um sein unfassbares Vorhaben verwirklichen zu können. Die lange und extrem harte Vorbereitung sollte sich jedoch bezahlt machen, denn er schaffte es wirklich, den Marathon in New York und in Berlin erfolgreich zu beenden, und dies in einer Laufzeit von etwa 15 Stunden. Beim Marathon in Chicago sollte Maickel Melamed aber bald an seine Grenzen stoßen.

Foto von Romina Hendlin
unter Wikimedia Commons

Während alle Teilnehmer bei diesem Marathon schon seit Stunden im Ziel waren, befand sich Maickel Melamed noch mitten auf der Strecke. Da der Marathon offiziell bereits beendet wurde, musste er jetzt immer wieder auf den Bürgersteigen laufen, da es keine Straßensperrungen mehr gab. Diese ständigen Höhenunterschiede kosteten dem beherzten Läufer zusätzliche Kraft und Maickel Melamed hatte bereits schwer zu kämpfen. Auch seine Betreuer konnten ihm nun nicht mehr helfen und versuchten ihn zu einer Aufgabe zu überreden. Aber Maickel Melamed hatte ein großes Kämpferherz, obwohl es schon finster wurde und seine Muskeln unbarmherzig schmerzten, arbeitete er sich Schritt für Schritt weiter.

Um 01:30 Uhr am nächsten Tag brandete plötzlich großer Jubel im Zielbereich auf. Viele Zuschauer waren extra gekommen und konnten es kaum glauben, als sie tatsächlich den abgekämpften und entkräfteten Maickel Melamed aus der Dunkelheit auftauchen sahen. Er schaffte es mit einer unvorstellbaren Kraftanstrengung, den Marathon in Chicago mit einer Zeit von unglaublichen 16 Stunden und 46 Minuten zu beenden. Er kam zwar nur mit Abstand als Letzter ins Ziel, aber für die Menschen war er der wirkliche Sieger dieser Laufveranstaltung.

Die Geschichte von Maickel Melamed und seinen sportlichen Leistungen verbreitete sich wie ein Lauffeuer um die ganze Welt. Trotz seiner Muskelschwäche fand er einen Zugang zum Sport und wurde dadurch zum Vorbild für viele Menschen mit Behinderungen. Er setzte sich seine eigenen Grenzen und verblüffte dadurch alle Experten. Maickel Melamed zeigte den Menschen, dass man mit großer Willensstärke alle Herausforderungen im Leben bewältigen konnte.

Maickel Melamed: „“Dein Leben ist das Schönste, was dir passieren kann. Also mache das Beste daraus““

Foto von Adrián Cerón
unter CC BY-SA 3.0

 

Ray Charles -– Ein blinder Musiker wird zur Legende

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Ray Charles wurde am 23. September 1930 in der Stadt Albany (US-Bundesstaat Georgia, USA) geboren und wuchs in armseligen Verhältnissen auf. In den wirtschaftlich schwierigen Zeiten hatten die Menschen hart zu kämpfen, um irgendwie über die Runden zu kommen. So gab es in der baufälligen Unterkunft, wo Ray Charles aufwuchs, auch kein fließendes Wasser. Bereits im Alter von fünf Jahren hatte er einen schweren Schicksalsschlag zu überwinden, als er hilflos mitansehen musste, wie sein kleiner Bruder in einer Wäschewanne ertrank. Nur wenige Monate später folgte die nächste Schreckensnachricht, als Ray Charles an einem Glaukom (Grüner Star) erkrankte. Da man sich keine ärztliche Behandlung leisten konnte, erblindete er im Alter von sieben Jahren vollständig. Ray Charles musste sich nun plötzlich in einer für ihn finsteren Welt zurechtfinden, welche noch dazu von einer problematischen Rassentrennung beherrscht wurde. Schwarze wurden unterdrückt und in vielen Lebensbereichen ausgegrenzt, für den dunkelhäutigen Ray Charles waren dies keine guten Zukunftsaussichten.

Die Mutter tat alles für ihren Sohn, um ihn so selbstständig wie möglich zu erziehen. Ray Charles musste im Haushalt mithelfen und durfte sich auch außerhalb des Hauses frei bewegen, damit er lernte, mit seiner Behinderung richtig umzugehen. Ray Charles schaffte es bald durch sein feinfühliges Gehör, sich in der Umgebung orientieren zu können. Er hatte eine Vorliebe für Musik und hörte sich in nahegelegenen Kneipen immer wieder Blues-Platten an. Als ihn seine Mutter in eine Blindenschule schickte, konnte er seine musikalischen Fähigkeiten weiterentwickeln. Er lernte Klavier und Klarinette zu spielen, zudem brachte er sich das Spiel mit dem Saxophon selbst bei. Ray Charles sang auch in einem kleinen Gospelchor mit und zeigte trotz seiner Sehbehinderung unglaubliches Talent, die Musik wurde nun zu seinem wichtigsten Lebensinhalt.

Foto von ABC Records

Kurz vor seinem 15. Geburtstag starb jedoch unerwartet seine Mutter, welche die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben gewesen war. Ray Charles brach daraufhin die Schule ab und versuchte, seinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen, aber als dunkelhäutiger und noch dazu blinder Musiker hatte er einen schweren Stand. Immer wieder geriet er in Rassenkonflikte, wo er als Schwarzer aber ständig in der weißen Gesellschaft benachteiligt wurde. Ray Charles hatte hart zu kämpfen, er verbesserte aber seine Fähigkeiten am Klavier und auch seine Stimme beständig weiter. Er konnte kleinere Nebenjobs als Sänger ergattern und kam ab und zu bei Musikbands unter. Mit der mickrigen Gage konnte er sich aber kaum über Wasser halten und hatte oft nicht genug Geld, um sich das Essen leisten zu können.

Ray Charles: „„Ich war ganz allein, weil meine Mutter starb. Ich hatte die Musik und arbeitete für jeden, der zahlte““

Im Alter von 17 Jahren übersiedelte Ray Charles nach Seattle (Nordwesten USA), um seine Karriere als Musiker voranzutreiben. Bettelarm und ohne Augenlicht musste er sich nun in einer fremden Stadt zurechtfinden, aber er ließ sich dadurch nicht entmutigen. Er wusste, dass es dort Bars gab, welche die ganze Nacht offen hatten und wo er als Sänger und Pianist tätig sein konnte. Er gründete seine erste eigene Band und tourte durch die Nachtclubs, wo er sich durch sein außergewöhnliches Talent schnell einen guten Namen machte. Als die ersten Schallplatten aufgenommen wurden, kamen diese bei den Menschen so gut an, dass sie alle sehr schnell verkauft wurden. Große Plattenfirmen wurden nun auf den blinden Sänger aufmerksam und dies war der Startschuss für eine große Musikkarriere. Ray Charles sang und spielte seine Lieder mit sehr viel Gefühl, aber er war auch Perfektionist, denn es musste jede Kleinigkeit passen, genauso wie die Mitglieder in seinem Ensemble.

Ray Charles: „„Ich kann eine Menge ertragen, aber auf keinen Fall Leute, die ihr Instrument nicht beherrschen““

Ray Charles begann systematisch, seinen eigenen Musikstil zu entwickeln. Wagemutig kombinierte er Blues, Country, Rhythm & Blues und Gospelelemente wie er es für richtig erachtete und stürmte mit dieser neuen Musikrichtung die Hitparaden im ganzen Land. Er begann überall auf der Welt große Tourneen zu spielen und stieg zu einem echten Superstar in der Musikbranche auf. Zudem setzte er sich gegen die Rassentrennung ein und verlangte bei jedem Konzert, dass alle Menschen durcheinander saßen, egal ob schwarze oder weiße Hautfarbe, ohne jede Bevorzugung. Er wollte seine Musik für jeden Menschen spielen, der sie hören wollte.

Ray Charles: „„Ich versuche Gefühle zu erzeugen, so dass die Leute eine Gänsehaut bekommen““

Ray Charles revolutionierte mit seiner neuen Stilrichtung die gesamte Musikwelt und galt als Wegbereiter für die Soulmusik. Er schaffte es, als schwarzer Musiker zu der weißen Hörerschicht durchzudringen und ging dadurch als eine Legende in die Musikgeschichte ein.

Ray Charles starb am 10. Juni 2004 im Alter von 73 Jahren. Er weigerte sich stets, einen Blindenhund oder einen Blindenstock zu benutzen, trotzdem fand er immer den richtigen Weg.

Ray Charles: „„Für das, was in meinem Leben wichtig ist, brauche ich nicht unbedingt zu sehen““

Temple Grandin -– Eine Autistin entdeckt die Sprache der Tiere

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Temple Grandin wurde am 29. August 1947 in Boston (USA) geboren und zeigte bereits als Kind unbeherrschte Verhaltensauffälligkeiten. Da sie bis zum Alter von vier Jahren auch nicht sprechen konnte, hielten sie die Ärzte für hirngeschädigt und rieten den Eltern, sie in ein Heim abzugeben. Während der Vater seine Tochter gleich fortgeschickt hätte, war es die Mutter, welche um Temple Grandin kämpfte. Sie hielt zu ihrer Tochter, da sie gelegentlich bemerkt hatte, dass ihr Kind trotz ihrer Behinderung Intelligenz und Klugheit zeigte. Temple Grandin litt an Autismus, einer schwerwiegenden Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung im Gehirn.

Temple Grandin: „„Die Diagnose Autismus kannten damals die wenigsten Ärzte. Sie hielten mich für hirngeschädigt““

Temple Grandin wurde nun von einem Kindermädchen und einem Sprachtherapeuten betreut, und das kleine Mädchen machte dadurch bedeutende Fortschritte. Da Temple Grandin aufgrund ihrer Behinderung nur visuell und in Bildern denken konnte, musste sie ihren Wortschatz wie eine Fremdsprache neu erlernen. Mühsam eignete sie sich so eine Sprachfähigkeit an und schaffte es dadurch, auf die Schule gehen zu können. Aber in der Schule wurde sie durch ihre Panikattacken sofort zur Außenseiterin. Temple Grandin wurde sozial ausgegrenzt und von den anderen Schülern verspottet. Trotz aller Unannehmlichkeiten kämpfte sie weiter und schaffte erfolgreich ihren Schulabschluss. Doch eines Tages kam es zu einem Schlüsselerlebnis in ihrem Leben, als sie Rinder auf einer Ranch beobachtete.

Temple Grandin: „„Die anderen Kinder haben mich gehänselt, weil ich immer alles wiederholte. Ich übersetze alles, was ich höre und lese, in Bilder und in Farbfilme mit Ton““

Während einer großen Impfaktion wurden die Rinder in eine Pressmaschine verfrachtet, damit sie sich nicht bewegen konnten. Temple Grandin wunderte sich über das Verhalten der Tiere, denn sie reagierten alles andere als panisch sondern blieben vollkommen ruhig. Die Rinder fühlten sich in dieser Vorrichtung einfach geborgen und zeigten überhaupt keine Angst. Temple Grandin, welche es durch ihren Autismus nicht ertrug, wenn jemand sie berührte, sehnte sich ebenfalls nach einer „Umarmung“ und hatte eine ungewöhnliche Idee. Sie baute sich nun in gleicher Weise eine „Berührungsmaschine“ nach und es funktionierte tatsächlich. Durch den äußeren Druck schaffte sie es sich zu entspannen und ihre Wut- und Panikattacken weitgehend zu kontrollieren.

Temple Grandin: „„Ich wurde viel ruhiger. Ich war süchtig nach diesem Gefühl““

Durch diese Erfahrung entwickelte Temple Grandin eine besondere Bindung zu den Tieren. Sie glaubte daran, dass die oft panischen Reaktionen der Rinder darin begründet waren, dass die Tiere ebenfalls in Bildern dachten, genauso wie sie als Autistin. Temple Grandin begann nun zu studieren und Viehzüchter und Viehschlachtereien zu erforschen, wo sie zu einem unglaublichen Ergebnis kam. Sie bemerkte, dass Rinder auf viele Dinge unbeherrscht reagierten, welche man als Mensch gar nicht wahrnahm. Egal ob dies glänzende Ketten, Schatten und dunkle Stellen oder einfach nur eine Jacke war, welche über einem Zaun hing. Durch ihre außergewöhnliche Auffassungsgabe entwickelte Temple Grandin neue Systeme, um den Tieren ein besseres Leben ermöglichen zu können. Neue Anlagen für die Viehhaltung wurden nun so umgestaltet, dass sich das Verhalten der Tiere tatsächlich zum Positiven veränderte. Infolgedessen gingen auch die Unfälle zwischen Menschen und Tieren drastisch zurück, was statistisch belegt wurde.

Temple Grandin: „„Wir müssen den Tieren ein anständiges Leben bieten. In meinen Anlagen gibt es keine Angst, keine Panik““

Temple Grandin wurde zur Pionierin in der Erforschung und Entwicklung von modernen Tierhaltungsanlagen. Sie kämpfte erfolgreich gegen Tierärzte und Forscher an, welche nicht daran glaubten, dass die Tiere Gefühle entwickeln konnten. Aber durch ihre neuen Erkenntnisse überzeugte sie auch die größten Kritiker, dass Tiere die gleichen Grundemotionen wie die Menschen hatten, wie zum Beispiel Wut oder Angst. Temple Grandin machte ihre Behinderung und ihren größten Schwachpunkt zu ihrem mächtigsten Vorteil und konnte dadurch die Welt so sehen, wie Tiere dies auch taten. Durch ihre besondere Gabe revolutionierte sie die gesamte Tierhaltung und wurde zudem vom „Time Magazine“ zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt.

Temple Grandin: „„Autismus ist das, was mich ausmacht. Es macht mir enorm viel Spaß, Probleme zu lösen, ich habe meinen Platz gefunden““

Philippe Croizon -– Ohne Gliedmaßen zum erfolgreichen Leistungssportler

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Der 26-jährige Philippe Croizon plante mit seiner schwangeren Frau und seinem kleinen Sohn einen großen Umzug, da die derzeitige Wohnung einfach zu klein für die junge Familie geworden war. Zu diesem Zweck wollte er die Fernsehantenne auf dem Dach abmontieren, als plötzlich ein schrecklicher Unfall passierte. Philippe Croizon geriet bei dieser Arbeit in eine Hochspannungsleitung und erhielt einen folgenschweren Stromschlag. 20.000 Volt schossen durch seinen Körper und verletzten den jungen Familienvater schwer. Normalerweise hatte man keine Chance, so einen gigantischen Stromschlag zu überleben, aber die Ärzte kämpften um das Leben von Philippe Croizon.

 
Wie durch ein Wunder überlebte Philippe Croizon diesen Elektrounfall, jedoch hatte er schwere Verbrennungen erlitten und die Ärzte waren gezwungen, nach und nach seine Gliedmaßen zu amputieren. Seine beiden Arme und sein rechtes Bein waren bereits operativ entfernt worden, nun musste auch noch sein linkes Bein abgenommen werden. Philippe Croizon war jetzt schlagartig gezwungen, sein Leben ohne Arme und Beine zu bestreiten, und dies machte ihm schwer zu schaffen. Er konnte sich kein sinnvolles Leben mehr vorstellen und ließ sich gehen, in der Hoffnung, dass der Tod ihn bald holen würde.

Philippe Croizon: „„Ich wollte sterben““

Eines Tages sah er eine Dokumentation im Fernsehen, wo eine Frau trotz größter Beschwerlichkeit den Ärmelkanal (zwischen Großbritannien und Frankreich) durchschwamm. Philippe Croizon begann neue Hoffnung zu schöpfen, denn nun hatte er ein unfassbares Ziel vor Augen. Er wollte ungeachtet seiner Behinderung diese kilometerlange Überquerung ebenfalls wagen. Die Lebensgeister kehrten langsam zurück und die Familie war froh, dass Philippe Croizon wieder einen Sinn im Leben fand und sich nicht aufgab. Er begann ein intensives Training, um sein Fett in Muskeln zu verwandeln, denn vor seinem Unfall konnte er nicht einmal zwei Längen in einem Schwimmbecken schwimmen. Spezielle Prothesen mit Schwimmflossen wurden angefertigt, um Philippe Croizon das Schwimmen zu ermöglichen. Doch die ersten Schwimmversuche endeten in einem Desaster, ohne Ausdauer und mit den befremdlichen Prothesen schien das Vorhaben hoffnungslos zu sein.

Philippe Croizon: „„Es war eine Qual. Der Anfang war eine Katastrophe““

Philippe Croizon wollte sich durch diese Rückschläge aber nicht unterkriegen lassen. Er trainierte bis zu fünf Stunden am Tag, um seine Fitness zu verbessern und seinen Schwimmstil mit den Prothesen zu perfektionieren. Nach zwei Jahren unermüdlichem Einsatz hatte er es endlich geschafft, Philippe Croizon war bereit für sein großes Abenteuer, den unberechenbaren Ärmelkanal zu durchschwimmen. Viele gut trainierte Schwimmer scheiterten bereits an diesem Vorhaben, Philippe Croizon wollte es ohne Arme und Beine vollbringen.

 
Philippe Croizon kämpfte gegen starke Strömungen, gegen das Wetter und gegen stürmische Winde. Durch die niedrige Wassertemperatur konnte außerdem ständig eine Unterkühlung drohen, begleitet wurde er nur von einem kleinen Betreuerboot. Am 18. September 2010 und nach über 13 Stunden hartem Kampf hatte er aber sein großes Ziel erreicht. Philippe Croizon durchschwamm als erster Mann ohne Gliedmaßen den berüchtigten Ärmelkanal.

Philippe Croizon: „„Das ist ein Traum für mich. Ich hatte zwar am ganzen Körper Schmerzen, aber ich zweifelte keinen Moment daran, dass ich es schaffe““

Philippe Croizon schwamm danach weiter und brach überall auf der Welt zahlreiche Rekorde. Er zeigte mit seiner bewundernswerten Einstellung, wozu ein Mensch ohne Arme und Beine fähig war und welche Leistungen man tatsächlich vollbringen konnte. Obwohl er nie ein begnadeter Schwimmer gewesen war, holte er dies trotz Behinderung mit großem Kampfgeist nach und entwickelte sich so zu einem der außergewöhnlichsten Leistungssportler auf der Welt.

Philippe Croizon: „„Alles ist möglich, wenn man den Willen hat, über sich hinauszuwachsen““

Nina Wortmann – Das Model im Rollstuhl

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Nina Wortmann wurde am 08.09.1980 in der Stadt Coesfeld (Deutschland) geboren und absolvierte erfolgreich die Schulausbildung. Nachdem sie eine Ausbildung zur Forstwirtin aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste, begann sie nach einer kurzen Babypause eine zweite Ausbildung als Ergotherapeutin. Am 12.04.2003 sollte sich das Leben von Nina Wortmann aber für immer verändern, als sie mit ihrem kleinen Kind einen folgenschweren Autounfall hatte. Wie durch ein Wunder war ihrer Tochter nichts passiert, aber sie kam nicht so glimpflich davon.

Nina Wortmann: „“Auf einmal war alles anders““

Nina Wortmann erlitt eine Form der Querschnittlähmung, wo sowohl Beine als auch Arme betroffen waren. Es folgten mehrere Monate mühsamer Therapien und Trainingseinheiten, welche sich bald bezahlt machen sollten. Konnte Nina Wortmann am Anfang nur den Kopf bewegen, schaffte sie mit der Zeit, immer mehr Körperteile bewegen zu können. Unterstützt von ihrer Familie und ihren Freunden kämpfte sie sich erfolgreich zurück in ihr neues Leben. Aber da ihre Beine irreversibel geschädigt waren, war sie von nun an auf einen Rollstuhl angewiesen.

Foto von Bestrossi

Nina Wortmann versuchte positiv in die Zukunft zu blicken und beschäftigte sich mit Dingen, welche man trotz Rollstuhl machen konnte. Eines Tages las sie von einem Model-Contest, wo nur Frauen im Rollstuhl teilnehmen konnten. Nina Wortmann war beeindruckt davon, dass es tatsächlich Frauen gab, welche sich trotz des Rollstuhles fotografieren lassen wollten. Ihr Mann drängte sie nun, ebenfalls an diesem Wettbewerb mitzumachen, aber Nina Wortmann war diesbezüglich eher schüchtern und ihr fehlte der Mut, sich zu bewerben. Schließlich gab sie ihrem Mann aber doch nach und gab ein Bewerbungsschreiben ab, da sie sowieso nicht damit rechnete, von den Veranstaltern angenommen zu werden.

Nina Wortmann: „„Ich und Model – das passte einfach nicht. Vor meinem Unfall bin ich vor jeder Kamera davongerannt““

Einige Wochen später erhielt sie plötzlich einen Anruf, dass man sie unter den vielen Bewerberinnen ausgewählt hatte, am Model-Contest teilzunehmen. Nina Wortmann konnte es kaum fassen, jedoch wollte sie die Herausforderung nun annehmen. Schnell stellte sich heraus, dass sie tatsächlich Spaß bei diesem Wettbewerb hatte, sich dem Blitzlichtgewitter der Fotografen zu stellen. Durch ihren Charme und ihre natürliche Ausstrahlung schaffte es Nina Wortmann tatsächlich, unter die ersten Zehn Finalistinnen zu kommen und war stolz, es so weit geschafft zu haben.

Nina Wortmann: „“Viele Menschen, die eine schlimme Situation erlebt haben, glauben, dass es nicht weitergeht. Aber man hat immer die Möglichkeit, einen Weg zu wählen, der einen wieder nach vorne bringt““

Während diesem Model-Contest wurde ein bekannter Fotograf auf Nina Wortmann aufmerksam, welcher begeistert von ihrer Darbietung war. In einem professionellen Fotoshooting konnte er sich von ihrer besonderen Ausstrahlungskraft überzeugen und schoss eindrucksvolle Fotos von ihr. Nina Wortmann bekam nun immer mehr Selbstvertrauen, da sie schnell weitere Modeljobs ergattern konnte. Durch ihre natürliche Schönheit wurde sie nun immer wieder von großen Zeitschriften und Magazinen gebucht und auch im Fernsehen hatte sie bereits Auftritte.

Obwohl Nina Wortmann nie eine spezielle Ausbildung als Model absolviert hatte, schaffte sie es mit konsequenter Arbeit und durch ihre natürliche Ausstrahlung, einen erfolgreichen Weg in dieser Branche einzuschlagen. Durch ihre Tätigkeit als Model im Rollstuhl möchte sie anderen Menschen mit Handicap Mut machen, immer an ihre Träume zu glauben und niemals aufzugeben, egal welche Schicksalsschläge das Leben bereithält.

Nina Wortmann: „“Mein großer Wunsch ist es, dass alle Menschen, die nicht in die Norm passen, irgendwann noch mehr von der Gesellschaft anerkannt werden. Egal ob auf dem Laufsteg, in Modemagazinen oder in der Werbung““

 

Nick van Bloss -– Der Pianist mit dem Tourette-Syndrom

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Nick van Bloss wurde 1967 in London (England) geboren und wuchs als normales Kind auf. Im Alter von sieben Jahren bekam er jedoch schwere motorische Störungen, immer wieder zuckte er am ganzen Körper oder musste unaufhörlich seinen Kopf schütteln. Nick van Bloss begann ohne Vorwarnung zu schreien und eigenartige Geräusche von sich zu geben, er verspürte auch den Drang sich selbst zu verletzen oder übelste Schimpftiraden zu veranstalten. Er wurde mehrmals untersucht, aber kein Arzt konnte ihm weiterhelfen oder eine medizinische Erklärung für seine unbeherrschten Bewegungen finden. Der Junge litt einfach an einem Aufmerksamkeitsbedürfnis und dies würde nur eine vorübergehende Phase sein, so die Meinung der Ärzte. Das Leben wurde für Nick van Bloss aber zur Hölle.

In der Schule wurde er gemobbt und ausgegrenzt, durch seine plötzlichen Anfälle war er auf sich allein gestellt, ohne Freunde. Auch von den Lehrern wurde er nicht unterstützt, sie verspotteten ihn zusätzlich und waren der Meinung, dass Nick van Bloss nur Aufmerksamkeit auf sich lenken wollte. Es war eine ungeheure Leidenszeit für ihn, denn er wusste nicht einmal, was ihm genau fehlte. Ohne jeden Lichtblick fristete er ein freudloses Leben, bis er im Alter von elf Jahren ein altes Klavier geschenkt bekam.

Als Nick van Bloss die ersten Tasten auf dem Klavier berührte, spürte er sofort eine bedeutende Verbindung zu diesem Musikinstrument. Er merkte bald, dass er durch das Klavierspiel zur Ruhe kam und ihn keine plötzlichen Anfälle mehr überkamen. Das Klavier veränderte das Leben von Nick van Bloss, er war beim Spielen nicht nur sehr entspannt, er hatte auch eine unvorstellbare Begabung. Innerhalb weniger Monate absolvierte er mit großem Erfolg eine Klavierausbildung und spielte nach einer Weile so leidenschaftlich am Klavier, dass er immer wieder viele Leute in seinen Bann ziehen konnte.

Nick van Bloss: „„Es war eine Art von Liebe auf den ersten Blick““

Im Alter von fünfzehn Jahren begann er aufgrund seines großen Talentes an der berühmten Musikhochschule „Royal College of Music“ zu studieren. Nick van Bloss wurde als große Zukunftshoffnung gefördert und gewann bald einige bedeutende Preise und Auszeichnungen. Jedoch musste er abseits vom Klavierspiel ständig Probleme und Hindernisse durch seine Krankheit überwinden, denn er hatte noch immer mit belastenden motorischen Störungen zu kämpfen. Erst im Alter von 21 Jahren wurde bei ihm das Tourette-Syndrom diagnostiziert. Nick van Bloss fühlte sich befreit, da er nun endlich wusste, was ihm fehlte. Aber er war auch betroffen, dass viele Ärzte die eindeutigen Anzeichen vom Tourette-Syndrom nicht schon früher bei ihm erkannten.

Nick van Bloss schaffte durch sein schwungvolles, dynamisches und exzellentes Klavierspiel bald seinen internationalen Durchbruch. Er spielte die berühmtesten Werke von Chopin, Beethoven, Mozart oder Bach in einer so außergewöhnlichen Weise, dass er damit problemlos alle Konzerthallen füllen konnte.

Nick van Bloss gelang der Sprung von einem nicht beachteten Außenseiter zu einem berühmten Pianisten. Durch das Klavierspiel entwickelte er eine einzigartige Lösung, seine Krankheit in den Griff zu bekommen. Plötzlich auftretende körperliche Spannungen oder unwillkürliche Lautäußerungen hatten keine Chance mehr, wenn Nick van Bloss am Klavier saß. Er schaffte es, seine größte Behinderung zu seiner größten Stärke umzuwandeln und zeigte, dass man mit einem besonderen Talent trotz vieler Hindernisse einiges im Leben erreichen kann.

Nick van Bloss: „„Ich liebe alles an dem Klavier““