Clara Immerwahr -– Der Todesfall einer hochbegabten Chemikerin

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Clara Immerwahr wurde am 21. Juni 1870 im kleinen Dorf Polkendorf geboren und verspürte bereits früh den Wunsch, das Erbe ihres Vaters anzutreten, welcher ein anerkannter Chemiker war. Doch als Frau hatte man es zu dieser Zeit sehr schwer, eine gute Ausbildung zu bekommen. Während ihr Bruder das Gymnasium besuchen durfte, musste sie mit der höheren Töchterschule vorliebnehmen, wo jungen Mädchen vor allem auf die Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet wurden. Aber Clara Immerwahr wollte mehr im Leben erreichen und erkämpfte sich eine Sondergenehmigung, um danach die Breslauer Universität als Gasthörerin besuchen zu dürfen.

Clara Immerwahr wurde an der Universität wie eine Außenseiterin behandelt. Nicht nur von den männlichen Studenten wurde sie belächelt, auch von den Professoren wurde sie oft verachtet und mit boshaften Kommentaren bestraft. Aber Clara Immerwahr war eine starke Frau und ließ sich durch die ständigen Schikanierungen nicht entmutigen. Durch ihre Unerschrockenheit konnte sie alle Hindernisse überwinden, welche ihr von der Männerwelt in den Weg gelegt wurden. Im Alter von 30 Jahren hatte sie es geschafft, sie erhielt als eine der ersten Frauen in Deutschland den Doktortitel in ihrem Spezialbereich Chemie. Clara Immerwahr leitete nun in weiterer Folge Vorträge über Chemie und traf so eines Tages auf den ehrgeizigen Chemiker Fritz Haber, welcher um sie warb. Nach einigem Zögern gab sie ihm schließlich das Jawort, für Clara Immerwahr war es auch die einzige Möglichkeit, durch diese Ehe weiter an ihren Forschungen arbeiten zu können, aber dies sollte sich schnell als Irrglauben herausstellen.

Am Anfang durfte Clara Immerwahr noch mit ihrem Mann im Labor arbeiten und forschen, sie wurde jedoch immer mehr zu Hilfsarbeiten degradiert, so musste sie die Arbeiten von Fritz Haber Korrekturlesen oder Übersetzungen erledigen. Während ihrer Schwangerschaft und nach der Geburt ihres Sohnes zwang sie ihr Mann zusätzlich, im Haus beim Kind zu bleiben, und verbot ihr das Forschungslabor. Fritz Haber war ein machtbesessener Forscher und setzte alle Energie in seine eigene Karriere, während er seine Frau immer weiter hinter den Herd drängte. Die Laufbahn von Fritz Haber verlief sehr vielversprechend und er rühmte sich in der Öffentlichkeit für seine Forschungen. Clara Immerwahr versuchte vergeblich, wieder als Chemikerin tätig zu sein. Ihr Mann unterdrückte sofort ihre Bemühungen und auch die Gesellschaft missbilligte ihr Vorhaben, denn eine Frau musste für die Familie sorgen, für die beruflichen Dinge war der Mann zuständig. Clara Immerwahr erhielt von keiner Seite Unterstützung und fühlte sich sehr einsam. Sie fristete im Schatten ihres Mannes ein unbefriedigendes Dasein, weshalb sie auch immer wieder an Depressionen litt.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, begann Fritz Haber mit der Entwicklung von Giftgasen. In zahllosen Tierversuchen forschte er nach wirksamen chemischen Kampfgasen, welche im Krieg zum Einsatz kommen sollten. Clara Immerwahr erkannte diese Gefahr und stellte sich nun öffentlich gegen ihren Mann, diese unmenschlichen Forschungen einzustellen. Aber ihr Mann, ein bedingungsloser Patriot, ließ seine Frau wieder nur links liegen und experimentierte weiter an diesen Massenvernichtungsmitteln. Clara Immerwahr kämpfte verbissen, um diesen Wahnsinn zu stoppen, aber als Frau war sie isoliert und hatte keine Chance, irgendwo Beachtung zu finden. So musste sie hilflos mit ansehen, wie zum ersten Mal Giftgaswaffen, welche von ihrem Mann entwickelt worden waren, zum Einsatz kamen. Tausende Tote starben qualvoll, als sich eine gigantische Giftwolke mit 150 Tonnen Chlorgas über schutzlose Soldaten ausbreitete. Clara Immerwahr war entsetzt über dieses Massaker, aber die nächste Maßnahme sollte ihr endgültig das Herz brechen. Denn ihr Mann wurde aufgrund dieses Giftgaseinsatzes nicht kritisiert, sondern er wurde tatsächlich wie ein Held gefeiert und zusätzlich auch noch befördert. Clara Immerwahr verstand die Welt nicht mehr und sah jetzt nur mehr eine Möglichkeit, um sich öffentlich Gehör verschaffen zu können.

Am 2. Mai 1915, nur wenige Tage nach diesem grausamen Giftgaseinsatz, erschoss sich Clara Immerwahr im Garten ihres Anwesens. Doch nicht einmal durch ihren Tod schaffte sie es, ihrem Protest gegen diese zerstörerischen Massenvernichtungsmittel Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die Öffentlichkeit ignorierte weitgehend ihren Selbstmord und ihr Mann fuhr noch am selben Tag nach Osteuropa, um weitere Giftgaseinsätze vorzubereiten.

Clara Immerwahr war eine hochbegabte Chemikerin und war auf dem besten Weg, durch ihre hart erkämpfte Ausbildung eine erfolgreiche Karriere zu starten. Aber nicht nur ihr rechthaberischer Mann war eine unüberwindbare Hürde für sie, sondern auch eine starrsinnige Gesellschaft, welche das typische Rollenbild der Frau als Mutter und Hausfrau für unantastbar hielt. Zum Schluss blieb Clara Immerwahr nur mehr der eigene Tod, um aus diesem leidvollen Leben ausbrechen zu können. Es war das unmissverständlichste Zeichen, welches man als Mensch setzen konnte, trotzdem sollte es noch viele Jahre dauern, bis ihr letzter Hilfeschrei erhört werden sollte.

Seit 1991 wird eine Clara-Immerwahr-Auszeichnung verliehen, eine besondere Würdigung für den Einsatz gegen den Krieg und den Kampf für Menschenrechte.

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