Die Kubakrise -– Wie ein russischer Marineoffizier den nuklearen Weltkrieg verhinderte

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Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion zu einem echten Wettrüsten der beiden Supermächte. Die USA stationierten Atomraketen in der Türkei, die Sowjetunion reagierte im Gegenzug mit der Stationierung von Raketenbasen auf dem Inselstaat Kuba. Nur knapp 200 Kilometer von der Küste Floridas entfernt stellte dies eine massive Bedrohung für die USA dar, denn es waren auch Atomraketen vorhanden. Am 24. Oktober 1962 errichteten die USA daraufhin eine totale Seeblockade um Kuba und bedrohten auf offenem Meer sowjetischen Schiffe. Die Konfrontation der beiden Weltmächte gipfelte sich in gegenseitigen Anschuldigungen und atomaren Drohungen wieder. Die Welt stand in dieser Phase kurz vor einem Krieg, jede kleine Provokation oder Überreaktion konnte eine nukleare Eskalation bedeuten.

In dieser heiklen Situation machten die USA durch die Seeblockade auch auf alle U-Boote jagt. Auf einem dieser sowjetischen U-Boote war der 36-jährige Marineoffizier Wassili Archipow tätig. Schnell wurde das U-Boot von US-amerikanischen Zerstörern aufgestöbert und eingekesselt. Was die USA jedoch nicht wusste war, dass dieses U-Boot mit Atomtorpedos bestückt war mit einer unfassbar großen Zerstörungskraft. Ohne Rücksicht darauf wurden nun Übungswasserbomben abgeworfen, um das U-Boot zum Auftauchen zu zwingen. Heftige Detonationen erschütterten das sowjetische U-Boot und versetzten die Mannschaft in Todesangst. Sie wussten wiederum nicht, dass es sich eigentlich nur um harmlose Wasserbomben handelte…

In dem U-Boot herrschte reinstes Chaos. Von ihrer Heimat abgeschnitten glaubte man, dass der Krieg durch dieses aggressive Vorgehen bereits ausgebrochen war. Man musste bald etwas unternehmen, denn die Akkus neigten sich dem Ende zu und die Atemluft war fast verbraucht. Hitze, öliger Gestank, der Ausfall der Beleuchtung und die fehlende Funkverbindung nach Moskau waren eine enorme psychische Belastung für die Besatzung. Durch die ständigen Erschütterungen der Wasserbomben verlor der zuständige sowjetische Kommandant bald die Beherrschung, denn es gab nur zwei Optionen. Entweder auftauchen und hoffen, dass noch kein Krieg angefangen hatte, oder kämpfen. Für den Fall eines Angriffes der USA gab es die klare Weisung, mit allen möglichen Mitteln zurückzuschlagen. Da er glaubte, der Krieg sei bereits ausgebrochen, entschied er sich zu kämpfen und befahl, die Atomtorpedos scharf zu machen um so viele Feinde wie möglich zu töten.

Schweißgebadet stimmte auch der zweite Offizier zu, denn er wusste, dass es auch das Todesurteil für sie selbst sein würde. Es war nur mehr die Zustimmung von dem dritten Offizier notwendig, und ein Atomkrieg würde in den nächsten Minuten bittere Realität werden. Unter größter nervlicher Anspannung hing es nun an Wassili Archipow, welcher jedoch dem ungeheuren Druck standhielt. Er ging alle Argumente sorgfältig durch und kam zur Ansicht, dass es das Vernünftigste wäre, mit dem U-Boot aufzutauchen. Aufgebracht redete der zuständige Kommandant sofort auf ihn ein, die Atomraketen doch abzufeuern und somit zu echten Helden in der Sowjetunion zu werden. Wassili Archipow ließ sich aber von seiner Entscheidung nicht abbringen, denn er wusste auch, welche schrecklichen Auswirkungen Atomraketen anrichten würden.

Nach hitzigen Wortgefechten schaffte es Wassili Archipow schließlich, die anderen Offiziere zu überzeugen. Das U-Boot begann aufzutauchen, die Nervosität stieg jetzt von Minute zu Minute. Als die müden und verschmutzten sowjetischen Seefahrer aus ihrem U-Boot kletterten, waren sie auf das Schlimmste gefasst. Was sie jedoch dann zu sehen bekamen, konnten sie kaum begreifen. Auf den amerikanischen Schiffen standen unbewaffnete Matrosen, sie spielten Musik und tranken Coca-Cola. Es war kein Krieg, Wassili Archipow hatte Recht behalten. Kurze Zeit später gaben die Amerikaner das U-Boot wieder frei und man machte sich wieder auf den langen Heimweg.

In der Heimat wurde das U-Boot jedoch nur mit Schimpf und Schande begrüßt. Man verwehrte den Heimkehrern nicht nur einen ehrenvollen Empfang, sondern Wassili Archipow und die anderen Offiziere mussten auch noch vor ein militärisches Tribunal. Sie mussten sich für ihren Verrat rechtfertigen, denn das zögerliche und ängstliche Verhalten passte überhaupt nicht in das ruhmreiche sowjetische Ansehen.

Die Kubakrise brachte die Welt an den Rand des Abgrundes. Wenn die Atomraketen das sowjetische U-Boot verlassen hätten, wäre es zu großen Verlusten für die USA gekommen. Diesen Angriff hätten die Amerikaner nicht hingenommen und es wäre zu einem militärischen Gegenschlag gekommen, mit fatalen Folgen für beide Seiten. Die Kubakrise wurde schließlich von John F. Kennedy (USA) und Nikita S. Chruschtschow (Sowjetunion) friedlich beigelegt, aber ohne einen unerschrockenen jungen Mann hätten beide Staatspräsidenten die atomare Kettenreaktion nicht mehr stoppen können.

Wassili Archipow rettete die Menschheit vor einer unberechenbaren nuklearen Katastrophe. Er starb am 19. August 1998 als Verräter in der Öffentlichkeit und ohne irgendeine Anerkennung. Erst einige Zeit nach seinem Tod wurde bekannt, wer der wirkliche Held dieser Kubakrise war. Wassili Archipow verhinderte am gefährlichsten Höhepunkt des Kalten Krieges mit seiner mutigen Entscheidung und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit den Dritten Weltkrieg.

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